15
Aber die Betrachtung aus dem Geiste bleibt hierbei nicht stehen. Christus ist nach dem Tode nur seinen Freunden erschienen; dies ist nicht äusserliche Geschichte, für den Unglauben, sondern nur für den Glauben ist diese Erscheinung ¹). Es heisst:»Christus ist für alle gestorben- das ist nicht etwas einzelnes, sondern die ewige, göttliche Geschichte ²). In dieser ganzen Geschichte ist dem Menschen zum Bewusstsein gekommen, dass der Mensch unmittelbar präsenter Gott ist; dass in dieser Geschichte, wie sie der Geist auffasst, selbst die Darstellung des Processes ist, dessen, was der Mensch, der Geist ist ³).
Durch den Fortgang der Geschichte, durch die Heraufbildung des Welt- geistes ist das Bedürfnis erzeugt worden, Gott als geistigen zu wissen in allgemeiner Form mit abgestreifter Endlichkeit. Dieses Bedürfnis und diese Sehnsucht hat eine solche Erscheinung, die Manifestation Gottes als des unendlichen Geistes in der Gestalt eines wirklichen Menschen gefordert. Aber der Glaube expliciert sich dann das Leben Jesu. Nur so wird Leben, Lehre, Wunder und Tod Christi wahrhaft verstanden, wie ja auch die ganze Geschichte nur von solchen geschrieben ist, über die der Geist schon ausgegossen war ¹⁴).
Die Beglaubigung dieser Geschichte ruht also wesentlich auf dem Zeugnis des Geistes. Die äussere, sinnliche Beglaubigung, wie Wunder etc. ist von untergeordneter Art und muss wegfallen. Christus verwarf sie auch. Ohnehin ist sie eine äussere, geistlose Weise der Beglaubigung ⁵), die selbst wieder der Beglaubigung bedarf. Gegen sinnliche Facta kann immer etwas eingewendet werden ⁶). Die Beglaubigung des Sinnlichen, sie mag einen Inhalt haben, welchen sie will, bleibt unendlichen Einwendungen unterworfen, weil sinnlich Aeusserliches zu Grunde liegt; hier ist Bewusstsein und Gegenstand getrennt. Das Verhalten des Geistes gegen Sinnliches muss nothwendig negativ sein).
Die Gewissheit des religiösen Glaubens gründet sich also nicht auf einzelne historische Zeugnisse, welche als solche betrachtet, freilich nicht den Grad von Gewissheit über ihren Inhalt gewähren würden, den uns Zeitungsnachrichten über irgend eine Begebenheit geben ⁰). Es kommt also nicht auf das Sinnliche der Erscheinung, auf das Historische an, als ob in solchen Erzählungen von einem als historisch vorgestellten die Beglaubigung des Geistes und seiner Wahrheit liege?). Was das bloss Geschichtliche, Endliche, Aeusserliche betrifft, so kann man die heiligen Schriften wie profane betrachten ¹⁰).
Es muss also eine andere Art der Betrachtung eingeschlagen werden; die erste und unmittelbare Form muss aufgehoben, das besondere muss wieder zum Allgemeinen werden. Da muss die sinnliche Weise der Betrachtung der Erscheinung Gottes im Fleisch in einer bestimmten Zeit und in diesem Einzelnen, die vorbeigeht und zur ver- gangenen Geschichte wird, verschwinden und muss in den Raum der Vorstellung hinauf-
¹) Hegel. Bd. XII., 250.— ²) ib. S. 254.— ³) ib. 253.—*) ib. 248, 249.— ¹³) ib. 256.— ‧¹) ib. 260.— ¹) ib. 264.—*) II., 418.—*) XII., 260.— ¹⁰*) ib. 8. 261.—


