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thun. Da aber die substantielle Einheit des Göttlichen und Menschlichen, der Mensch in seiner Allgemeinheit, der Gedanke des Menschen jenseits des unmittelbaren, gewöhn- lichen Bewustseins liegt, so muss sie,— das An sich des Menschen— um auf dem Boden der Gewissheit zu erscheinen, ein Einzelner, alle Anderen von sich ausschliessender Mensch werden.
Christus— der»Gottmensch«! Diese ungeheure Zusammensetzung ist es, die dem Verstande schlechthin widerspricht, aber es ist dem Menschen darin zum Bewusstsein, zur Gewissheit gebracht, dass das Anderssein, oder die Schwäche, Endlichkeit und Gebrechlich- keit der menschlichen Natur nicht unvereinbar sei mit der Einheit, die Gott selbst ist ¹).
Das ist das Ungeheure, dessen Nothwendigkeit wir gesehen haben:»Gott in mensch- licher Gestalt erscheinend«. Erscheinen aber heisst:»sein für Anderes«. Dieses Andere ist die Gemeine,(die ja auch in der heil. Schrift als Leiblichkeit Christi aufgefasst wird).
Die Beglaubigung, dass an diesem einzelnen Menschen, in diesem Orte, in dieser Zeit der Erscheinung Gottes im Fleische hervorgetreten, ist eine doppelte, eine innere, durch das Zeugnis des Geistes; eine äussere durch die Geschichte. Die historische Erscheinung kann nun wieder auf zwei Arten betrachtet werden. Der einen, der»irreli- giösen« Betrachtung erscheint Christus als gewöhnlicher Mensch, in aller äusserlichen Zufälligkeit, in allen zeitlichen Verhältnissen, Bedingungen. Er wird geboren, hat die Bedürfnisse aller anderen Menschen als Mensch, allein dass er nicht eingeht in das Ver- derben, die Leidenschaften derselben. Wenn man ihn nur so betrachtet wie Socrates, oder wie ihn die Mohamedaner betrachten, als Gesandten Gottes, wie alle grossen Menschen Gesandte Gottes sind, wenn man von ihm nicht mehr sagt als dass er Lehrer der Menschheit, Märtyrer der Wahrheit ist, so steht man nicht mehr auf dem christlichen Standpunkte, nicht auf dem der wahren Religion, die mit der wahren Philosophie identisch ist ²2). Bis zu dem Tode Christi nimmt auch der»Unglaube« die äussere Geschichte Jesu an.
Hier aber beginnt die Umkehr des Bewusstseins. In der Auffassung des Todes Christi liegt der Unterschied der äusserlichen, unmittelbaren Auffassung und der des Glaubens, d. h. der Betrachtung mit dem Geiste; aus dem Geiste, der zu seiner Wahrheit dringt, der Gewissheit der Wahrheit haben will und soll. Die höhere Bestimmung ist diejenige, dass in Christo die göttliche Natur geoffenbaret worden sei, dass in ihm die Wahrheit des göttlichen Wesens,(die Dreieinigkeit, worin das Allgemeine sich selbst gegenüber setzt und darin identisch mit sich ist), in ihrem Verlauf dargestellt werde, oder dass er— der Gottmensch ist. Denn da es das Loos der menschlichen Endlichkeit ist, zu sterben, so ist der Tod der höchste Beweis der Menschlichkeit; und da Gott wieder aufersteht zum Leben, sich in diesem Process erhält, und die Negation der Negation, des Todes Tod wird, so ist er auch der Prüfstein seiner Göttlichkeit ⁰).
) Hegel, Bd. XlI., 238, 239.— ²) ib. S. 240, 241.— ¹²) ib. 246— 250.


