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dem menschlichen Geiste gegenüber steht, von demselben nicht respectiert werden kann, ja das Streben von ihr frei zu werden, echt sittlich und echt protestantisch ist.
Und auch dadurch bahnte er neue Wege für die Christologie, dass er das Göttliche nicht als etwas nur supernaturales und dem Menschen fremdes, sondern auch als ein im Menschen wohnendes oder wenigstens für seine Natur angelegtes nachwies.
Es würde also eine ungerechtfertigte Härte gegen den grossen Denker sein, der seine Bemühung vin der Schrift denjenigen Sinn zu suchen, der mit dem Heiligsten was die Ver-— nunft lehrt, in Harmonie steht« nicht nur für erlaubt, sondern für Pflicht gehalten wissen wollte, wenn man ihm jenes Zugeständniss versagen und nicht vielmehr die grosse Gewissen- haftigkeit und den tief sittlichen Ernst seiner Untersuchung rühmend anerkennen wollte.—
Indem wir nun sofort zu der
Darstellung der Hegel'schen Christologie übergehen, haben wir zwar den Vortheil, dass wir nicht, wie dies bei Kant nöthig war, die einzelnen Momente derselben erst zusammensuchen und zu ihrem Verständnis eine allgemeine Explication des religionsphilosophischen Standpunktes Hegel's vorausschicken müssen, sondern uns unmittelbar an dessen eigene zusammenhängende Darstellung derselben,»das Reich des Sohnes« und»-das Reich des Geistes« im zweiten Theile seiner»Vorlesungen über die Philo- sophie der Religion«(Werke, Band XII. Seite 204—288) wesentlich anschliessen können. Gleichwohl bereitet dieselbe, einmal wegen der bekannten characteristischen Eigenthümlich-
keiten der Hegelschen Speculation überhaupt, dann aber durch eine— okft gerade an den wichtigsten Incidenzpunkten— vielleicht absichtlich nicht vermiedene Dunkelheit des Aus-
drucks und Abgerissenheit der Diction dem klaren Verständnis ungleich höhere Schwierig- keiten, als die bei Kant nicht systematisch zusammengeschlossene Ausführung.
Gottes Wesen ist die ewige Liebe, oder wenn wir diesen Ausdruck der Empfindung in den des begreifenden Denkens umwandeln,— Gott ist Geist. So lange der Geist unmittelbar, einfach ruhend ist, ist er kein Geist; sondern der Geist ist wesentlich das thätig zu sein, sich zu manifestieren. Manifestieren heisst:»werden für ein anderes«, in Gegensatz, Unterschied treten ¹), sich als Unterschiedenes seiner zu setzen ²), aber damit er nicht an dem Anderen, Unterschiedenen seine Grenze habe, negiert werde, muss der Unterschied unmittelbar wieder verschwinden; er ist kein wahrhaftes, wesentliches, bleibendes absolutes Moment ³). Es ist dies Unterscheiden nur ein Spiel der Liebe mit sich selbst, worin es zu einer ernsthaften Trennung und Entzweiung nicht kommt. Das Andere ist— der Sohn.
Dieser bis dahin in dem absoluten Geiste immanente Sohn erhält nun, damit der Unterschied sei, die Bestimmung, dass er als ein Freies für sich, ein Wirkliches ausser,
¹) Hegel, Bd XI., 34.— ²) XlI., 205.— ³) XIlI., 267. 2*


