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praktisch an ihn glauben, die Sündenschuld tragen, durch Leiden und Tod der höchsten Gerechtigkeit als Erlöser genug thun und als Sachwalter unsere Rechtfertigung vor Gott bewirken lassen?— Nur, dass in dieser Vorstellung jenes Leiden, welches der neue Mensch, indem er dem alten abstirbt, im Leben fortwährend übernehmen muss, an dem Repräsentanten der Menschheit als ein für allemal erlittener Tod dargestellt wird. ¹)
Ohne also der historischen Person des Lehrers des Evangeliums, der sich als einen vom Himmel gesandten ankündigt, und einer solchen Sendung würdig erweisst ²),— zwar nicht durch Stiftung der von allen Satzungen reinen Religion, aber doch der ersten wahren Kirche³),— irgendwie zu nahe treten zu wollen, will Kant sogar seine Person als ein Geheimnis, seine Erscheinung auf Erden, seine Entrückung von derselben, sein thaten- volles Leben und Leiden als lauter Wunder auf sich beruhen lassen ⁴).
Denn da das Historische, als Empirisches, nicht das Wesentliche ist, so mag es mit der Geschichte stehen, wie es will ⁵), aber dagegen streitet er mit aller Macht, dass man das Wissen, Glauben und Bekennen dieser historischen Nachrichten, dass man die Hochpreisung des göttlichen Gesandten als eines Wesens von göttlicher Abkunft als etwas betrachte, wodurch wir an sich Gott wohlgefällig würden ⁶). Vielmehr ist ein solcher Geschichtsglaube»todt an ihm selber«, d. h. für sich als Bekenntnis betrachtet, enthält er nichts, führt auch zu nichts, was moralischen Werth für uns hätte 7). Und wollte man ihn zur Bedingung des allein seligmachenden Glaubens machens), so hätte man 2 Principien desselben, ein empirisches und ein rationales, was sich widerspräche.
Denn der rationale Glaube, als der lebendige Glaube an das Urbild der Gott wohlgefälligen Menschheit(den Sohn Gottes) oder an sich, ist auf eine moralische Vernunftidee bezogen, die das Princip des guten Lebenswandels in sich trägt?), wogegen der Glaube an ebendasselbe Urbild in der Erscheinung(an den Gott-Menschen) als empirischer historischer Glaube mit dem Princip des guten Lebenswandels durchaus nicht einerlei ist. Diese wirkliche Antinomie hebt nun Kant dadurch auf, dass er erklärt, in der Erscheinung des Gottmenschen ist nicht das, was von ihm in die Sinne fällt, oder durch Erfahrung erkannt werden kann, sondern das in unserer Vernunft liegende Urbild, welches wir dem letzteren unterlegen,(— weil er nämlich, soviel sich an seinem Beispiel wahrnehmen lässt, jenem gemäss befunden wurde—) das Object des seligmachenden Glaubens. Dieser aber ist mit dem Princip eines Gott wohlgefälligen Lebenswandels
identisch.
*) Rel. S. 87- 92.— ³) ib. S. 181.— ²) ib. S. 225.— ¹⁴) ib. S. 108.— ³) ib. S. 225.— ³) ib. S. 140.— *) 1b.§. 152.— ³) ib. S. 166.— ³) ib.§. 165.


