Aufsatz 
Darstellung und Beurtheilung der Kant'schen und Hegel'schen Christologie / Carl Vogt
Entstehung
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I. Durch die Idee der Gott wohlgefälligen, moralisch vollkommenen, und darum glückseligen Menschheit.

Denn nur ein solche, als moralisches Weltwesen gedacht, nicht die Menschheit schlechthin(gegen den Wolfenbüttler Fragmentisten) kann Endzweck der Weltschöpfung sein ¹). Die Objectivität dieser Idee liegt freilich unbegreiflicher Weise²) in unserer moralisch-gesetzgebenden Vernunft; und da diese uns nun befiehlt, jener Idee gemäss zu sein, uns zu diesem Urbild der sittlichen Gesinnung in ihrer ganzen Lauterkeit zu erheben ³), so müssen wir es auch können; und dürfen, nehmen wir sie nur als oberste Maxime in unser Prinzip auf, der Erreichbarkeit jener Idee in uns gewiss sein, da diese uns selbst hierzu Kraft geben wird4). Durch den»praktischen« Glauben an diese Idee, die übrigens gar keines Beispiels der Erfahrung bedarf, um uns zum Vorbild zu dienen 5⁵), werden wir der obersten Gerechtigkeit vollkommen genügen.

Von den Einwürfen gegen die Bejahung der Frage:»Ob denn diese immerhin fremde Gerechtigkeit der Gott wohlgefälligen Menschheit auch wirklich die unsere werden könne,« sucht Kant den ersten:»Wie kann die Gesinnung für die That gelten, da letztere doch in jedem Zeitpunkt mangelhaft ist?« in folgender Weise zu widerlegen:

Bei dem unendlichen Abstande zwischen dem zu erreichenden Guten und dem Bösen, wovon wir ausgehen, bleibt zwar das Gute in der Erscheinung immer nur ein fortdauerndes Streben zum Besseren, und somit unzulänglich für ein heiliges Gesetz, aber wegen der Gesinnung aus der es hervorgcht, ist doch für denjenigen, der den intelligibelen Grund des Herzens durchschaut, die unendliche Continuität dieses Fortschrittes Einheit, d. h. Gott sieht den Menschen als wirklich gut und gerecht an).

Den zweiten Einwurf, ob denn nicht die moralische Glückseligkeit der Menschen darunter leide, insofern der Mensch stets über die Wirklichkeit und Dauer seiner guten Gesinnung in Zweifel sein müsse, beantwortet Kant dahin:

Zwar bedarf der Mensch einer derartigen Gewissheit der Unveränderlichkeit seiner Gesinnung gar nicht, da sie weder möglich, noch moralisch zuträglich ist. Da aber ohne alles Vertrauen auf die Macht des guten Princips eine Beharrlichkeit in dem- selben auch nicht möglich ist, so darf man annehmen, dass mit der Uebung des Guten die Kraft zu immer weiteren Fortschritten wachsen wird).

Und den dritten Einwurf, dass der Mensch, wenn er sich auch in seiner neuen Gesinnung als Gott wohlgefällig betrachte, doch immer wegen der vorhergegangenen, bis

)) Rel. S. 67. ²) ib. S. 73. ¹½] ib.§. 68. ¹) ib. S. 78, 63. ³) ib. S. 71.*) ib. S. 7880. ¹) ib. S. 80 87.