Aufsatz 
Darstellung und Beurtheilung der Kant'schen und Hegel'schen Christologie / Carl Vogt
Entstehung
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Radical sei das Böse, weil es in einem natürlichen, angeborenen, gleichwohl aber selbstyerschuldeten Hange bestehe.»Natürlich« heisst der Hang insofern, als er zum Charakter der ganzen Gattung gehört, d. h. er ist zwar nicht eine mit objectiver Noth- wendigkeit aus dem Gattungsbegriff zu folgernde, wohl aber eine empirisch auch bei dem besten Menschen anzutreffende, also subjectiv nothwendige Qualität.»Natürlich« darf also nicht mit»physisch« ohne weiteres verwechselt werden. Denn ein auf sinnliche Antriebe gegründeter Hang zum Guten oder Bösen, d. h. zu irgend einem Akte der Frei- heit ist ein Widerspruch, weil sie uns angeboren, wir also nicht Urheber derselben sind.

Angeboren aber kann der Hang prädiciert werden, als derselbe zwar nicht auf medicinische, juristische oder theologische Art als Erbkrankheit, Erbschuld oder Erbsünde zu erklären ist ¹), wodurch ebenfalls der Begriff der Freiheit und Verant- wortlichkeit der Menschen aufgehoben wäre, wohl aber deshalb, weil er als der subjective Bestimmungsgrund jeder That vorhergeht und vor allem in der Erfahrung gegebenen Gebrauche der Freiheit wirksam ist, also nicht erst»in der Zeit erworben« oder von irgend einem Zeitactus der Willkür abzuleiten ist. Gleichwohl ist der Hang, obwohl dies mit dem eben gesagten in Widerspruch zu stehen scheint, zugleich ein selbstverschuldeter weil er, obwohl jeder That vohergehend, dennoch eigene, aus Freiheit entspringende und somit moralisch zurechnungsfähige That ist; freilich nur eine intelligibele, blos durch Vernunft, ohne alle Zeitbedingung erkennbare Urthat, welche die oberste Maxime, den Grund aller anderen, in sich verderbt hat, und so als peccatum originarium die Quelle jeder empirischen, in der Zeit gegebenen, sensibelen That, des peccatum derivativum ist ²).

Dann aber zeigt Kant ³) wie selbst das in der Menschheit eingewurzelte mit ihrem Wesen gleichsam verwobene Böse gleichwohl wieder überwunden werden müsse. Die Möglichkeit dieser Umkehr der Principien könne um so weniger bestritten werden, als ja auch der Vernunftursprung des auf Freiheit beruhenden»Falles« des Menschen, des ursprünglich gut d. h. zum guten erschaffenen Menschen ins Böse uns unerforschlich ist. Die Nothwendigkeit aber geht daraus hervor, dass, da ungeachtet jenes Abfalls, die Pflicht gebietet, wir sollen bessere Menschen sein, es auch thunlich sein muss.

Dies ist aber nur möglich durch eine Revolution in der Gesinnung des Menschen (ibid. S. 50.) die auch als vollständige Umkehr der obersten Maxime als»Wiedergeburt, oder neue Schöpfung(Evang. Johannis Cap. 3. v. 5.)« bezeichnet werden kann.

Diese Ueberwindung des»Radicalen Bösen« oder anders: die Wiederherstellung der ursprünglichen Anlage zum Guten in ihre Kraft, ist nun auf dreifache Weise vermittelt

zu denken:

¹) Rel. Seite 38. ²) ib. Seite 8; 12; 22 25; 31; 38. ³) ib Seite 4558. 1*