2
Während also der flache Vulgärrationalismus und der frivole Eudämonismus der Aufklärungsperiode. welchem alles Ideenvolle ideenlos geworden war, die speculativen Elemente qes Christenthums, mit denen, als unpraktischen, er nichts anzufangen wusste längst uber Pord geworfen hatte, und bis zur Leugnung aller göttlichen Offenbarung fort⸗ geschritten Var. tritt plötzlich Kant für die verachtete Lehre in die Schranken, und sucht vom Standpunkt des reinen Rationalismus— der weder die innere Möglichkeit und Nothwendigkeit einer göttlichen Offenbarung leugnet(wie der Naturalist), noch den Glauben an dieselhe für verbindlich erklärt(wie der Supernaturalist), sondern, sich bescheidet, dass die Vernunft hierpber nichts sicheres wissen könne¹),— die einzelnen doctrinalen Be- standtheile des geoffenbarten oder historischen Glaubens mit dem reinen Vernunftglauben, wenn auch durch Umdeutung des ursprünglichen Sinnes der bezüglichen Bibelstellen ²) entweder in Uebereinstimmung zu bringen, wo nicht wenigstens ihre Existenz neben dem- selben zu erklären.
Um nun auch vom Standpunkte der natürlichen oder Vernunftreligion, die nur das, was sie zuvor als Pflicht erkannt hat, für ein göttliches Gebot hält, also mit der Moral. was das Object oder die Materie angeht ²), identisch ist, demnach Glaubens- sätze nur in dem Sinne eines»Etwas, was geglaubt werden kann, nicht, was geglaubt werden Soll*) kennt; die keinerlei assertorisches Wissen, selbst nicht einmal das des Daseins Gortes fordert; vielmehr sich mit einem Minimum der Erkenntnis, der nur problematischen Annahme⁵),»es ist möglich, dass Gott sei« begnügt, der selbst, qiese jetzte Idee nicht Grund. sondern Folge und Zweck der Moral isté)— um auch auf diesem schwierigen Standpunkt Raum für die Möglichkeit und Nothwendigkeit einer Offen- barung zu gewinnen, construiert Kant auf der Lehre
„Vom radical Bösen in der menschlichen Natur“
seine Religionsphilosophie oder moralische Dogmatik*) in ganz eigenartiger Weise. Mit dem hierdurch gewonnenen Begriffe einer Offenbarung im Allgemeinen ist dann auch implicite die in Christo geschehene, sowie die Person desselben mitbestimmt.
Er verfährt nun folgendermaassen:
Der Grund des Bösen beruht nicht, wie gewöhnlich angenommen wird, in der Sinn-— lichkeit und den daraus hervorgehenden Neigungen des Menschen, oder in einer Verderbnis der moralisch-gesetzgebenden Vernunft, sondern nur in der falschen Unterordnung des Sittengesetzes unter die Sinnlichkeit, wodurch die sittliche Ordnung umgekehrt wird, indem dieses vielmehr oberste Bedingung der ersten und einzigen Triebfeder des Menschen sein sollté ⁵).
²) Rel. i d. Gr. S. 215— 217.— ²) ib. Vorrede, S. XVII.; S. 43. Anm.; S. 150.— ³) Werke l. 233.— ⁴) Werke I. 240.— ⁵) Religion i. d. Gr. S. 216.— ⁴) ib. Vorrede S. VIII.; S. 139.—) ib. S8. 56.— ³) ib. S. 27; 28.


