Aufsatz 
Darstellung und Beurtheilung der Kant'schen und Hegel'schen Christologie / Carl Vogt
Entstehung
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0 b der historische oder der ideale Christus das Centrum der christlichen Glaubens- lehre, oder ob ein solcher Christus, in welchem beide Momente in die volle Einhcit einer gottmenschlichen Persönlichkeit aufgehoben wären, überhaupt nothwendig und wirklich sei, das war und ist der Angelpunkt einer Streitfrage, zu deren wissenschaftlicher Behandlung resp. Lösung die Philosophie gewiss nicht minder die Berechtigung oder Verpflichtung hat wie die Theologie. Da nun von der Philosophie die speculative Construction eines zugleich historischen und idealen Gottmenschen schon oft als möglich und gelungen behauptet, und von derselben Seite eben so oft und nachdrücklich als unmöglich erklärt worden ist, so sei es nunmehr unsere, selbstverständlich ohne jegliches theologische oder dogmatische Vorurtheil unternommene Aufgabe, den Gedankengang und die Methode zu entwickeln, in welcher die Koryphäen der neueren Philosophie, in welcher Kant und Hegel sich mit angestrengtester Geistesarbeit bemüht haben, die Tiefe dieser religionsphilosophischen Centralidee durch speculative Construction derselben zu erschliessen.

Was zunächst die Christologie Kant's

betrifft, so ist dieselbe wesentlich, wenn auch durchaus nicht in systematischer, zusammen- nängender Darstellung enthalten in seinem Werke:»die Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft.« Die Aufgabe derselben charakterisiert Kant selbst im ersten Ab- schnitte seines»Streites der Facultäten ¹)« dahin,»er wolle in demselben nicht behaupten, dass der ganze Inhalt einer positiven Religion aus blosser Vernunft sei,(denn sie könne auch übernatürlich offenbart sein) sondern er wolle nur im Zusammenhange vorstellen, was von dem Inhalt der Bibel durch blosse Vernunft erkannt werden könne.-

¹) Werke, Band I. p. 203 319. Vorrede.