50
der andere jenes aufschlägt, und selbst von den Wörtern, die alle aufsc hla-— gen, doch der eine diese, der andere jene Bedeutung aufschreibt? Was aber nicht deutsch-lateinisch gelernt wird, wird dem Schüler auchnicht deutsch- lateinisch verwendbar. Jeder aufmerksame Lehrer kann sich überzeugen, dass bei dem Schüler immer die Sphäre der deutsch-Jateinischen Wortkenntnis viel kleiner ist, als die der lateinisch-deutschen. Wörter, die er im Cäsar allwöchentlich übersetzt und die ihm hierbei ganz geläufig sind, fehlen ihm, wenn die deutsche Bedeutung im Exercitium vorkommt; er kennt nur die lateinisch-deutsche Seite des Wortes, die deutsch-lateinische ist ihm nicht fasslich, weil er sie zu fassen nicht angeleitet wird. Daher kommt es auch, dass sich in seinen Exercitien eine entsetzliche Eintönigkeit breit macht. Von synonymen Wörtern, deren er lateinisch-deutsch eine ganze Menge kennt, z. B. von putare, judicare, exwistimare, arbitrari, statuere disponirt er deutsch-lateinisch nur über putare, von proficisci, contendere, iter facere nur über das erste, von vocare, appellare, nominare nur über das letzte, welches überall wiederkehrt, wiew ohl es relativ das am wenigsten brauchbare ist. Forscht man aber nach, weshalb gerade immer dies und nicht ein anderes oder ein Wechsel beliebt ist, so liegt es gewöhnlich daran, weil dieses allein, vielleicht schon im Sexta-Vocabular, deutsch-lateinisch gelernt wurde. Ganz anders würde Wechsel und Mannigfaltigkeit im Ausdruck dem Schüler der mittleren und oberen Klas- sen eigen werden, wenn deutsch-lateinisches Vocabel-(bezw. Phrasen-) Memoriren ¹) regelmässig geübt würde, was aber in unteren und mittleren Klassen nur auf Grund ge— druckter Vocabularien ²) möglich ist.
¹) Natürlich: Sunt certi denique ines. Es kann auch, besonders das Phrasenmemoriren, übertrieben werden. Eine Uebertreibung ist es schon, wenn man über die durch die Lectüre gezogenen Grenzen hinaus- greift und ein Fehler, wenn man die Bahnen, auf welchen die Lectüre geht, verlässt. Vergl. Schrader, a. a. O. S. 340:„Die Erweiterung des Wortschatzes und der Phraseologie schliesst sich so eng an die Lectüre an, dass eine selbständige Behandlung beider nicht nur völlig unnütz sondern vom Uebel und vergebliche Arbeit ist.“
²) Was sich zu Gunsten lateinischer Vocabularien in mittleren Klassen sagen lässt, trifft meist auch auf die griechischen zu. Jedoch entstehen hier zwei Bedenken. Das erste liegt darin, dass das griechische Vocabular die Nöthigung zur Analyse der griechischen Formen, den Rü kschluss von der Form auf den Stamm, aufhebt nnd somit ein wichtiger Factor zur Erlernung der griechischen Conjugation verloren geht. Dieser Uebelstand würde den Gebrauch griechischer Vocabularien verbieten, wenn er sich nicht heben liesse. Indes lässt er sich dadurch heben, dass die Verba von den einzelnen Abschnitten ausgeschlossen und als Anhang nach ihren Klassen(I. Verba auf: 1. pura: a) contracta, b) non contracta, 2. impura: a) muta, ³. B-Laut, 6. K-Laut, vy. D-Laut, b) liquida; II.- Verba auf 2⁴ν) besonders und innerhalb dieser Klassen alphabetisch auf- geführt werden. Hierdurch wird der Schüler gezwungen, ehe er ein Verbum aufschlägt, sich zuerst zu fragen, in welcher Klasse(bezw. in welchen Klassen) er es zu suchen hat. Ein solches Vocabular nöthigt also den Schüler vor dem Gebrauch zu einer Analyse und verhindert ihn an der Unsitte, das Wort zu suchen, ehe er sich klar geworden ist, wie das Präsens lauten muss. Uebungen in der Analyse griechischer Verba sind aber in den erst en drei Jahren des griechischen Unterrichts unerlässlich. Sie werden auch bei der eben be- zeichneten Einmrichtung der Vocabulars jenes erste Bedenken beseitigen. Das andere liegt in dem Umstand, dass in Tertia und Secunda diese ben Autoren, nemlich Xenophon und Homer, gelesen werden und es nicht angeht, sie in Tertia nach einem Vocabular und in Secunda nach einem Wörterbuch präbariren zu lassen. Dies muss zugegeben werden. Und doch würde man in diesen Autoren besser vorwärts kommen, wenn der Schüler schnell mit einer grösseren copia verhorum ausgerüstet werden könnte. Für Homer kann dies durch ein vom realen Gesichtspunkt aus geordnetes Vocabular, wie Retzlaff's Vorschule zu Homer, erreicht werden. Die Lectüre dieses Dichters erfordert aber nach meiner Ansicht noch eine systematische, wenn auch kurze,


