Aufsatz 
Pädagogisch-didaktische Aphorismen über Syntaxis ornata, Extemporiren, Construiren, Praepariren / Jul. Rothfuchs
Entstehung
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statt parium, poematibus statt poematis, Lidonis statt Didus u. s. w. schreibt, dem möchte ich ein nugas agis! zurufen. Ueber viele dieser Punkte komme doch erst einmal die Text- kritik ins Klare! Warum will ler Lehrer in der lateinischen Formenlehre peinlicher sein als in der deutschen, in welcher unsere Quartaner meist nicht so sicher sind als in der lateinischen. Ist es Wörterkenntnis? Nein, in den Prosaikern weiss der Priwaner gewöhnlich die Grund- bedeutung fast aller Wörter und auch in den Dichtern sind ihm verhältnismässig wenige unbekannt.

Ist es die Kenntnis der regulären Syntax? Nein, die Casuslehre wird in der Quarta gelehrt und in der Tertia befestigt, die Moduslehre in der Tertia gelehrt und in der Untersecunda befestigt. In Prima kommen wohl noch genug Fehler gegen die Stilistik vor, im Gebiete der regelmässigen Syntax aber ist meist schon der Obersecundaner sicher.

Ist es das Gefühl für den s. g. color latinus, die specifisch lateinische Auffassung, welche man auch syntaxis ornata nennt?

Ist es die Fähigkeit, den Satzbau eines Autors schnell zu übersehen?

Alle Erfahrungen gehen dahin, dass man auf die beiden letzten Fragen nicht so zuversichtlich mit Nein! antworten kann, wie auf die vorigen.Ich habe Gelegenheit gehabt, sagt ein tüchtiger Kenner¹) der lateinischen Sprache,Abiturientenarbeiten von verschiedenen Anstalten zu lesen; aber sie litten alle an denselben Fehlern, an Schwerfälligkeit und Unbe- holfenheit; war die eine oder andere Arbeit auch partienweise gut geschrieben dem Ganzen fehlte dennoch Guss und Fluss und der lateinische Color. Und was die andere Frage angeht. So ist überall bemerkbar, dass einen ciceronianischen oder livianischen Satz schnell übersehen und übersetzen zu können nur wenige Abiturienten erreichen. Die meisten haben erst einige Zeit zum Nachdenken nöthig.

Ist unsere Wahrnehmung richtig, Sso würde sich ergeben: Mangelhafte Sicherheit in der syntawis ornata und Mangel an Gewandtheit, einen lateinischen Autor glatt zu lesen(extemporiren), sind die beiden Dinge, worin der lateinische Unterricht nicht soviel zu erreichen scheint, als man nach der langen Reihe von Jahren billiger Weise fordern muss.

Beide Punkte möge der geneigte Leser, unter welchem ich mir am liebsten einen Fach- genossen denke, mit mir besprechen. Wir werden dann auch sehen, ob obige Befürchtung- gelsbachs begründet ist, dass nämlich der Unterricht in den unteren und mittleren Klassen zuweilen unreine Töne, ich will nicht sagen, singen lasse, aber doch nicht mit der Consequen⸗ und Methodik bekaàmpfe, welche zur Ausbildung eines guten Gehrsinnes für das, was rein lateinisch ist, nöthig erscheint.

¹) Berger, Stilistische Vorübungen der lateinischen Sprache für mittlere Gymnusialklassen. Vorwort b. IV.