Aufsatz 
Pädagogisch-didaktische Aphorismen über Syntaxis ornata, Extemporiren, Construiren, Praepariren / Jul. Rothfuchs
Entstehung
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unserer Sprache grundverschiedenen Denkweise dem reiferen Jüngling immer noch schwer und interessant bleibt! Wahrlich ein trefflicheres Bildungsmittel für den menschlichen Geist hat es nie gegeben und wird es nie geben. Das werden die Lehrer am meisten gewahr. Wer qurch alle Klassen hindurch beobachten kann, wie der Geist der Jugend an dieser Sprache zu arbeiten hat und durch sie bearbeitet wird, der zweifelt nicht an ihrem Bildungswerth. Der zweifelt auch dann nicht, wenn er die Bemerkung macht, dass der Abiturient die Sprache nicht wie ein völlig unterworfenes, lcicht zu regierendes Gebiet beherrscht, sondern dass die ange- strengte Umsicht und fortwährende Kraftanwendung des Regenten nöthig ist, damit dieser nicht ein Stückchen seiner Herrschaft verliere, nicht einen kleinen Aufruhr in der grossen Ordnung erleide. Aber wenn es eine solche Kraft erheischt, zur Herrschaft über diese Sprache zu gelangen, so erscheint es doppelt nöthig, die Schwierigkeit des Lernobjects nicht noch durch die Schwierigkeit der Methode zu erhöhen, da wir es wohl als bildend erkannten, Schwieriges zu leruen, aber nicht, es auf schwierige Art zu lernen. Somit spitzt sich die Waffe unserer Gegner zu dem Vorwurf zu:Dass im Latein nach neun bis elf Jahren so wenig geleistet wird, liegt an der fehlerhaften Methode. Ich gestehe, dass ein solcher Angriff nicht ganz ohme Gefahr ist, und dass die Gymnasialpädagogik hierin eine sehr ernste Sache erblicken muss.

Sie hat dieses auch gethan. Keine Frage ist in Wort und Schrift von unseren Schul- männern(etwa von der deutsch-orthographischen abgesehen) mehr erörtert worden als die: Was ist zu thun, dass die Leistungen im Latein beim Maturitätsexamen besser werden? Man- hat Versuche mit ecptgegengesetzten Methoden¹) angestellt, man hat den Schüler gleich mitten in den vollen Strom der Sprache hineingeführt und von der Macht der Wellen erhofft, dass der Knabe schwimmen lerne. Es hat sich aber gezeigt, dass die Methode des systematischen Aufbaues die einzig bildende ist, weil sie allein das Lernen zu einem bewussten macht und weil es chne Bewusstsein keine wahre Geistesbildung giebt.²2) Und so scheint es im Interesse der rechten Bildung fest zu stehen, dass die seitherige Methode principiell nicht geändert wer- den darf. Dennoch könnte sie im Einzelnen noch mangelhaft und der Besserung bedürftig séein. Wir vermuthen dies aus den unbefriedigenden Leistungen und müssen von diesen aus die Frage näher ins Auge fassen.

Was ist es denn hauptsächlich, was beim Abschluss des Lateinunterrichts hinter den be- rechtigten Erwartungen zurückbleibt?

Ist es Sicherheit in der Pormenlehre? Nein, die Kenntnis derselbeu bringt der Knabe gewöhnlich schon als ein sicheres Besitzthum von Quinta nach Quarta; wer aber von Unsicher- heit redet, wenn der Schüler einer mittleren oder oberen Klasse einmal civi statt cive, parum

¹) Man denke an die Methoden Hamilton, Jacotot, Ruthardt und andere, die heute längst und mit Recht aufgegeben sind.

²) Vergl. Waitz, Allgemeine Pädagogik S. 383:Es ist leicht ersichtlich, wie wesentlich der Unter- schied sein muss, den es für die Bildung der Intelligenz macht, ob eine fremde Sprache auf grammatischem Wege, oder auf dem der Routine erlernt wird Als Gründe für den letzteren die grössere Schnelligkeit und Mühelosigkeit des Lernens selbst geltend machen kann nur der, welcher Bequemlichkeit, Genuss und die Befriedigung zufälliger Bedürfnisse des gemeinen Lebens höher schätzt als Einsicht und Bildung. Die Päda- gogik hat für ihn keine Antwort, so wenig als für den, welcher um der grösseren praktischen Brauchbarkeit der neueren Sprachen willen die alten durch sie verdrängt zu sehen wünscht.