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entschieden falsch, wenn man ausschliesslich oder hauptsächlich darauf sieht, wieviel Wissen und Fertigkeit sich jemand in einer alten Sprache erworben hat. Richtig dagegen wägt man den Werth der classischen Bildung nach dem Gewichte der Geisteskraft, welche erzielt ist, mag auch das erworbene Wissen und die erlangte Pertigkeit verhältnismässig unbedeutend sein. Hiernach wäre jenes Missverhältniss zwischen Arbeit und Erfolg nur dann ein besonderer Schade, wenn der lateinische Unterricht in seiner jetzigen Weise das Ziel verfehlte, den Geist gewandt und kräftig zu machen, wenn sich in den geringen Leistungen der Abiturienten im Latein eine ungenügende Geistesbildung offenbarte. Dies wollen indes die Gegner der Gym- nasialbildung ihrer Mehrzahl nach nicht sagen, und unsere Gymnasien brauchen auch in dieser Beziehung den Vergleich mit den realistischen Anstalten nicht zu scheuen. Die allgemeine Klage lautet nur: Es wird für die lateinische Sprache so viel gearbeitet und doch nur eine schwache Herrs chaft über dieselbe gewonnen! Hierauf, so scheint es mir, ist man eine Ant- wort schuldig.
Die Klage ist berechtigt, wenn sie einen Mangel an Wissen und Pertigkeit, unberechtigt, wenn sie einen Mangel an Geisteskraft aussagen will. Am allerverkehrtesten aber wäre es. aus der Berechtigung der Klage einen Grund herzunehmen, um an dem Werth der lateinischenm Sprache als Bildungsmittel zu zweifeln. Wollte man schliessen:„Weil die lateinische Sprache nach langjährigem Unterricht dem Lernenden immer noch Noth macht, so ist sie als Bildungs. mittel zu verwerfen,“ so würde dies ein grossartiger Trugschluss sein. Denn es ist, um in einem vielgebrauchten Bilde zu reden, kein Beweis gegen die kräftigende Eigenschaft des Tur- nens, wenn dasselbe nach jahrelanger Uebung dem Körper kein leichtes Spiel geworden ist, sondern ihn immer noch anstrengt. Denn die Uebungen, welche leicht sind, sind nicht die kräftigenden. So ist auch nicht die Geistesthätigkeit. welche mühelos ist, die bildendste, viel- mehr dürfte das, was nach vielen Jahren angestrengter Arbeit immer noch Mähe macht, gerade als die kräftigendste Turnübung für den Geist anzuschen sein. Kurz: es ist falsch, das, was nach langjährigem Lernen seine Schwierigkeit noch nicht verloren hat, um deswillen für ein schlechtes Bildungsmittel zu halten, umgekehrt aber auch falsch zu glauben, je mehr Schwie- rigkeit etwas nach langer Arbeit bereite, ein desto gecigneteres Bildqungsmittel müsse es sein. Es fragt sich eben, woher die Schwierigkeit kommt, ob von der Art des Lehrens und Lernens oder von der Sache selbst. Einé schwierige Sache zu lernen ist bildend, dagegen eine Sache auf schwierige Art zu lernen, kann unmöglich bildend sein. Das hiesse, die Füsse kräftigen zu wollen durch Gehen auf Dornen und Glatteis; es hiesse, die Pechtkunst lernen, und das Schwert bei der Klinge fassen. Der Werth eines Bildungsmittels richtet sich vielmehr darnach, ob es die Kräfte des jugendlichen Geistes auf allen seinen Entwicklungs- stufen in sammelnder, anregender und dennoch nicht einschränkender oder überreizender Thä— tigkeit beschäftigt und ihm hierdurch Kraft und Gewandtheit verleiht. Wer weiss nicht, wie geeignet hierzu gerade die lateinische Sprache ist, wie sie den kleinen Sextaner und den reifen Primaner in gleicher Weise zwingt, bei jedem Schritt(aus dem Deutschen ins Latein und aus dem Latein ins Deutsche) aufzumerken, damit der Schritt kein Fehltritt werde, wie die Sprache wegen der Klarheit und Durchsichtigkeit ihres Baues, wegen der Knappheit und Kürze ihres Ausdrucks dem Knaben fasslich und anziehend erscheint und daneben auch wegen der von
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