Aufsatz 
Pädagogisch-didaktische Aphorismen über Syntaxis ornata, Extemporiren, Construiren, Praepariren / Jul. Rothfuchs
Entstehung
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intensiver sein und länger bleiben als der gute. Also Grund genug, jene Worte gels- bach's nicht nur schön und richtig, sondern auch beherzigenswerth zu finden für das Gewissen eines jeden Lehrers.

Als ich die Stelle las, erregte sie deshalb um so mehr mein Nachdenken, weil mich schon seit längerer Zeit die Frage beschäftigte, was wohl der Hauptgrund der nicht zu bestrei- tenden Thatsache sein möchte, dass das Endresultat des lateinischen Unterrichts im Gymnasium in einem starken Missverhältniss steht zu der neun bis elf Jahre hindurch von Lehrern und Schülern darauf verwandten Mühe. Im zehnten oder elften Lebensjahr greift der Kleine sein Latein an. In Sexta absorbirt dieser Unterricht mehr als ein Drittel der Lectionen, mehr als die Hälfte der Arbeitszeit und mehr als drei Viertel der Kräfte des Schülers. Das dauert im Wesentlichen so fort. Zwar treten in Quarta noch Griechisch und in Tertia Mathematik als Weitere anspruchsvolle Fächer hinzu(um von den' Nebenfächern zu schweigen), aber das Latein bleibt mit seinen neun bis zehn Unterrichtsstunden und vielen häuslichen Arbeiten durch alle Klassen des Gymnasiums hindurch im Vordergrunde. Nach neun bis elf Jahren bringen die besseren Köpfe ein Maturitätsexamen fertig, während die mittelmässigen meist schon an der Grenze der Obersecunda oder Prima von dem unerbittlichen Rade der Forderungen abge- schleudert sind. Wenn man sich nun das Abiturientenexamen ansieht, in welchem Gegenstande wird verhältnismässig am wenigsten geleistet? Nach allgemeiner Erfahrung in dem, wel- chem die meiste Zeit und Mühe zugewendet war, im Lateinischen. Wie manche Lateinlection von der Sexta herauf bis zur Reifeprüfung hat der Schüler besucht! Wie manche Stunde häus- licher Präparation auf das Lateinische verwandt! Wie manches Scriptum hat er in den neun bis elf Jahren geschrieben, der Lehrer corrigirt! Und am Ende der langen Leiter leider! welch Resultat! Sollten da nicht die Realisten unserer Pädagogen Recht behalten, wenn sie meinen, die Gymnasialbildung habe sich überlebt, neuere Sprachen und Naturwissenschaften seien die einzig richtigen, für unsere Zeit passenden Bildungsmittel?

Eine fünfzehnjährige Lehrthätigkeit im Gymnasium hat mich zu einem entschiedenen Gegner der eben bezeichneten Richtung gemacht. Ich erkenne zwar das Missverhältniss zwischen Arbeit und Erfolg an, welches im lateinischen Unterricht obwaltet, bin aber überzeugt, dass es einestheils kein wesentlicher Schade unserer Bildung ist, anderntheils sich auch mildern und heben lässt.

Unser Ziel und unsere Entfernung vom TZiel.

Qui studet optatam cursu contingere metam Multa tulit fecitque puer, sudavit et alsit. Horat. Man beurtheilt den Werth der classischen Studien falsch, wenn man ihn darnach misst, welcher äussere Erfolg aus der darau' verwandten Mühe und Zeit resultirt. wenigstens dann