Ueber den
geometrischen Anschauungsunterricht in Quinta.
Von to
Dr. Weingaertner, Gymnasiallehrer.
Einleitung. ₰
Der geometrische Anschauungsunterricht hat die Aufgabe, die Schüler durch sinnliche Betrachtung der Objekte in die ersten Begriffe der Geometrie einzuführen und sie anzuleiten, die Eigenschaften und gegenseitigen Beziehungen der räumlichen Gebilde selbst zu finden. Er ist demnach wesentlich unterschieden von dem abstrakten, wissen- schaftlichen geometrischen Unterrichte. Während letzterem die streng wissenschaftlichen Beweise zufallen, hat ersterer nur mit Massstab, Zirkel und Transporteur die Wahrheit der Sätze zu konstatieren.
Aber nicht frühe und eindringlich genug kann man darauf hinweisen, dass kein
menschliches Auge, selbst mit Hälfe der vollendetsten Instrumente, absolut scharf zu sehen und genau zu messen vermag, dass man es also für einen unerwarteten Zufall halten muss, wenn einmal die Wahrheit eines Satzes durch die Messung bestätigt wird. In der Regel wird und kann die Probe nicht stimmen, und es hiesse die Geometrie zu einer schwanken- den Erfahrungswissenschaft degradieren, wenn man auch nur auf der untersten Stufe ein
Beweisverfahren durch Messung anwenden wollte. Wenn also die Empirie immer nur eine zweitelhafte Gewähr für die absolute Richtigkeit eines geometrischen Satzes bieten kann, so sollte sie überhaupt für den geometrischen Beweis nicht herbeigezogen werden. Wohl aber ist das umgekehrte Verfahren nicht nur zu billigen, sondern aufs dringendste zu em- pfchlen. Die Genauigkeit einer sorgfältig gefertigten Zeichnung wird auf Grund des geometrischen Satzes erprobt. Es macht dem Schüler Freude,»wenns stimmt« wenn er sich dem idealen Vorbilde der Geometrie so weit genähert hat, dass die Mängel der Em-
1884. Progr. Nr. 359.
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