Aufsatz 
Festschrift zur Einweihungs-Feier des neuen Gebäudes für die Oberrealschule Marburg a. d. Lahn
Entstehung
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für bestimmte Meinungen und Anschauungen zu beleben, um durch die Stetigkeit des Wollens die Annahme sittlicher Grundsätze vorzubereiten. Die systematische Kräftigung eines bestimmten Interesses entspricht nicht dem Geiste der komenischen Methodik, da ja der Mensch von selbst dem zueilt, was der Idee der Harmonie, d. h. der Gottheit, entspricht. Bestimmte Anweisungen für die Umgestaltung des Charakters finden sich in der pädagogischen Theorie des Comenius kaum, da er der Überzeugung lebt, dass auch im Charakter wie in der gesammten Welt, alle Gegensätze von selbst sich ausgleichen es bedarf nur des geringsten Anstosses. Dem Gedankenkreise des Comenius würde es entsprechen, aus der Welt der Geschichte und Dichtung Beispiele aufzustellen, würdig der Nachahmung und Nacheiferung. Da er von seinem panso- phischen Ideale beherrscht wird, so hat er es nicht verstanden, die genannten Gebiete nach ihrem ethischen Werte zu beurteilen. Die Menge des Wissens steht ihm höher als die Dar- bietung des Besten. Der Universalität seiner Methode widerspricht es ferner, die Erziehung zur Vaterlandsliebe in den Mittelpunkt des Unterrichts zu stellen. Er hat keinen Weg angegeben, dieses heilige Feuer in den Herzen der Jugend zu entflammen. Comenius hat nicht bedacht, dass es keine allgemeine Methode für die Erziehung zur Tugend giebt, dass nur aus dem Gesammtgeiste eines Volkes heraus die Erziehung zu den einzelnen Tugenden

sich vollzieht. 4

Der Mechanismns der sittlichen Bildung durch Nachahmung, Gewöhnung und Zucht wird etwas gemildert durch den Gedanken, dass wahres Christenthum in der Übung der Tugenden sich ausspreche. Die Jugend soll gewöhnt werden, in der Ansübung der Gerechtig- keit, Barmherzigkeit und anderer Tugenden Gebote des Christenthums zu erblicken. Welche Stellung hat das Christenthum in der Pansophie des Comenius? Wir sahen, dass Comenius allgemein giltige Principien für den Zusammenhang des Wissens und Kriterien der Gewissheit suchte. In der pansophischen Schule wird derjenige als ein vollkommener Mann in Christo bezeichnet, der das, was bisher viele in Wissenschaften, Künsten, Sprachen und Religion wussten, als sein unverlierbares geistiges Eigenthum besitzt. Die Lehre Christi wird nicht nur als ein Teil des pansophischen Systems, sondern als der Gipfelpunkt desselben anerkannt. Die natürlichen und künstlichen Dinge sind eben nur ein Alphabet für die Söhne Gottes, eine Pibel, mittels deren sie sich üben, das Höhere, das Gesetz Gottes besser zu lesen und zu verstehen ¹). Comenius lebt der Uberzeugung, dass Göttliches und Menschliches in keinem Wider- spruch stehe; beide können sich nicht dauernd widersprechen, da ja alles Irdische ein Ausdruck des Göttlichen ist. Da aber die Lehre Christi die Offenbarung Gottes ist, so müssen Natur und Künste ihr untergeordnet worden. In der Lehre Christi empfängt der Mensch das Gesetz, welches ihn an seine göttliche Abstammung, an seine Würde errinnern soll. Das Gesetz ist der Wegweiser zur Rückkehr in die ewige Harmonie. Dem Vorwurfe, dass Christus uns nur gelehrt habe, einen neuen Menschen anzuziehen, nicht aber Sprachen und Wissenschaften zu lernen, begegnet Comenius mit der Bemerkung, dass Christus selbst den Lehrer der Sprachen, den heiligen Geist vom Himmel hernieder gesandt habe. Man ersieht leicht, dass Comenius um Gründe nicht verlegen ist, wenn er einer Stütze für sein System bedarf. Trotz aller

¹) Beleuchtung der pansophischen Bestrebungen(Ubersetzung von Beeger) S. 132. Opera omnia (dilucidatio) p. 468.