Aufsatz 
Festschrift zur Einweihungs-Feier des neuen Gebäudes für die Oberrealschule Marburg a. d. Lahn
Entstehung
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menschlichen Herzens sich Gott zuwendet, als dem Urbilde alles Guten, so wird es auch demjenigen Menschen zustreben, der die Gottähnlichkeit am meisten in sich zum Ausdruck bringt. Diese Auffassung entspricht dem Gedanken des Comenius, dass das Khnliche vom Ahnlichen angezogen wird. Die Gottähnlichkeit des Menschen setzt ferner voraus, dass der Mensch frei und Herr seiner Handlungen sei. Hieraus folgt, dass Beispiele eines geordneten Lebens., in denen Eltern und Lehrer voran leuchten, eine anziehende Kraft besitzen, dass sie besser sind als Vorschriften. Da aber jede Tugend durch Thaten, nicht durch Reden gepflegt wird, so liegt der Kernpunkt der sittlichen Bildung in der Gewöhnung an gutes Handeln. Hieraus ergiebt sich, dass der Schüler nicht an die Tugend überhaupt, sondern an einzelne Tugenden, zur Klugheit, Mässigung, Stärke und Gerechtigkeit zu gewöhnen sei. In der Methodik der Sitten wird die Gewöhnung als das Princip der Anschauung erkannt. Alle sittliche Bildung, so meint Comenius, hebt mit der Gewöhnung an, wird aber nicht in derselben vollendet. Da der Mensch ein vernünftiges Wesen ist, welches nur seiner eigenen Vernunft trauen soll, so lege er bei jeder Handlung sich die Frage vor, was, warum und wie etwas recht gethan sei, damit er in Wahrheit ein König seiner Handlungen werde. Das Gewissen so kann man Comenius deuten hbestimme die Richtung seines Handelns. Die Klugheit, welche Comenius in die 4ttliche Bildung einschliesst, bildet nur die Vorstufe, ebnet die Wege der sittlichen Erziehung.

Die Klugheit erscheint als die Gabe, die wirklichen Unterschiede und den Wert der Dinge feststellen zu können. Ein richtiges Urteil ist die Grundlage aller Tugend¹). Nur derjenige kann Wertvolles vom Wertlosen, Gutes vom Schlechten unterscheiden, der ein unverfälschtes Urteil über die Dinge besitzt. Aus diesen Auseinandersetzungen ergeben sich Gesichtspunkte zur Beur- teilung des Zusammenhangs zwischen theoretischer und sittlicher Bildung. Eine weitere Vor- stufe des Sittlichen ergiebt sich aus der Übung der Sitten. Der Schüler soll so gewöhnt werden, dass er eine edle Würde in Worten, Geberden und Handlungen zur Schau trage. Der schöne Schein wird zur Vorstufe des Sittlichen und hat die Voraussetzung, dass der Schüler zur Stärke in der Beherrschung der Aftekte erzogen werde.

Die Erkenntnis des Guten und Schlechten wird, wie wir sahen, von der Einsicht in den Zusammenhang der Dinge abhängig gemacht. Die Idee des Guten, das Mass an dem er seine Handlungen misst, trägt der Mensch in sich, da er der Ausdruck der göttlichen Idee ist. Vor allen Dingen aber fordert Comenius die Gewöhnung an jede Art von ehrsamer Arbeit.

In der Achtung vor der Arbeit erkennt er einen Beweggrund sittlichen Lebens. Aus der Gewöhnung an Arbeit ergiebt sich, so meint er, edle Freimütigkeit, als der Ausdruck der Selbstachtung, und Stärke im Ertragen von Mühen. Um nun die Beharrlichkeit im Wollen des Guten zu erzielen bedarf die Erziehung der Zucht. Die Schulzucht soll darauf abzielen, in allen Ehrfurcht gegen Gott, Dienstfertigkeit gegen den Nächsten, Eifer für die Verrichtungen des Lebens amuregen und durch beständige Übung zu befestigen. Der Erzieher soll die himmlische Sonne nachahmen, welche beständig Licht und Luft, Regen und Wind, nur selten Blitze und Donner darbietet. Licht und Luft spendet der Erzieher, wenn er für alles, wozu die Jugend erzogen werden soll, sich selbst als ein lebepdiges Muster hinstellt, wenn er

¹) Beeger u. Zoubek(Grosse Unterrichtslehre) S. 172. Opera omnia p. 133.