Aufsatz 
Festschrift zur Einweihungs-Feier des neuen Gebäudes für die Oberrealschule Marburg a. d. Lahn
Entstehung
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nach dem Gesichtspunkte des gottähnlichen Menschen umgestalten, seine methodischen Auf- fassungen in dem gewöhnlichen Treiben des Lebens und in den Neigungen des Menschen zu begründen sucht. Es hätte eben so gut schliessen können, dass der Glaube an Autoritäten berechtigt sei, weil im Erlernen seines Handwerks der Lehrling seinen Meister nachahme.

In der Methodik der Künste wird das Princip der Anschauung durch Übung und' die Nachahmung vertreten. Wenn die Nachahmung sich streng an die vorgelegte Form halten soll, so steht, vom erziehlichen Standpunkte aus betrachtet, ein derartiges Princip nicht höher als das genaue Beachten von feststehenden Regeln. Das Princip der Nachahmung wider- spricht der komenischen Anschauung, dass alles in seinen Ursachen zu begreifen sei, dass jeder sich nur auf seine eigene Vernunft verlassen solle. Der von Comenius bekämpfte Glaube an Autoritäten wird durch die Annahme der Nachahmung als eines methodischen Princips für berechtigt anerkannt. Der Glaube an Autoritäten wäre dann um so mehr berechtigt, weil er der Neigung der menschlichen Natur, nachzuahmen, d. h. auf die eigene Meinung zu verzichten, am besten entspricht. Begreiflich wäre es gewesen, wenn Comenius, dem Endziele seiner Theorie entsprechend, eine Umgestaltung der menschlichen Neigungen und Empfindungen verlangt hatte. Von ihm, dem die Erziehung zur eigenen Einsicht und Selbstverantwortlichkeit am Herzen liegt, hätte man viel mehr Gesichtspunkte für die Bekämpfung dieser menschlichen Schwäche erwarten sollen. Am Schlusse seiner Methodik der Künste empfiehlt es Comenius allerdings als nützlich, nebenher Regeln aufzustellen, welche bei den Versuchen der Nach- ahmung die Anleitung geben. An keiner Stelle findet sich eine Andeutung des grundlegenden Gedankens, dass der Schüler selbst auf analytischem Wege die Vorschriften des Verfahrens zu finden habe.

Man darf fast immer annehmen, dass an derartigen Widersprüchen in den Gedanken des Comenius ein Teil der Schuld seiner pansophischen Stimmung zuzuschreiben ist. Comenius träumte vom Lateinischen als einer Weltsprache, die, wenn möglich, allen zugänglich gemacht werden müsse. Da diese Sprache also einem praktischen Zwecke dienen soll, nicht der Erleuchtung des Geistes, so wird die Betonung der Nachahmung begreiflich.

Ebenso lässt sich die Verwertung der Nachahmung als eines methodischen Hilfsmittels verstehen, wenn es sich um das Endziel aller sprachlichen Bildung, im komenischen Sinne, um die Eleganz der Sprache handelt, um die Ausbildung in der Rhetorik. Es bleibt ferner die Auffassung des Comenius zu berücksichtigen, Sprachen nicht als einen Teil der Bildung zu begreifen, sondern als ein Mittel, um mit Hilfe desselben Bildung zu schöpfen und anderen mitzuteilen¹). Die Sprachen sind die Dolmetscher des Geistes ²). Wenn aber Comenius in seiner Skizze der pansophischen Schule den Gedanken ausspricht, dass die Eleganz der Sprache das Endziel der Bildung sei, so scheint es fast, als ob seine pädagogischen Ideale ihn geflohen, als ob er die Grundlage seiner Theorie preisgegeben habe.

Besondere Verwertung findet das Princip der Nachahmung in der Methodik'der sitt- lichen Bildung. Der Zug zum Guten ist in der menschlichen Natur tief begründet, da der Mensch ja nur ein sichtbarer Ausdruck der göttlichen Idee ist. Da nun die Sehnsucht des

¹) Beeger u. Zoubek(Grosse Unterrichtslehre) S. 156. Opera omnia p. 172. ²) Panergesia, UÜbersetzung v. Leutbecher S. 369.