Aufsatz 
Festschrift zur Einweihungs-Feier des neuen Gebäudes für die Oberrealschule Marburg a. d. Lahn
Entstehung
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dann nicht nötig gewesen, den komenischen Satz. dass der Stoff der Form vorangehen müsse, umständlich zu begründen. Das Princip der Induktion hätte eine solche Voraussetzung als selbstverständlieh erscheinen lassen. Die Grundfrage aller Methodik: Wie muss der Unterrichts- stoff vorbereitet werden, damit der Zögling das Wissen selbst neu hervorbringe, als seine eigene That betrachte, hat Comenius nicht verstanden. Er übersah, dass dies erziehliche Moment nicht im Sammeln, sondern in der Art und Weise der Erwerbung des Wissens liegt. Der Schwerpunkt ruht nicht in der Thatsache des Wissens und Könnens, sondern in dem Prozesse, der diese Thatsachen zum geistigen Eigentum des Schülers macht. Der methodische Gesichtspunkt des Comenius, dass Wissen das Verstehen einer Sache nach ihren Ursachen ¹)

kann noch nicht als ein erziehlicher bezeichmet werden. Die Thatsachen der Mathematik sollen, wenn ein Beispiel gestattet ist, nicht nur eingesehen und dem Gedächtnis überliefert, sondern vom Schüler selbst hervorgebracht werden. Bei Comenius handelt es sich nicht um das Werden der Bildung, sondern um den Reichtum und die Fülle des Wissens.

Derartige Erwägungen liegen dem Gedankenkreise des Comenius fern, sie würden sich ur Klarheit entwickelt haben, wenn er nicht voll und ganz von seinem pansophischen Ideal beherrscht worden wäre, dessen Weite dem Gedanken von der Erwerbung des Wissens wider- spricht. Immerhin muss betont werden, dass seine methodischen Anschauungen rein äusserlich betrachtet, Gesichtspunkte für die Gestaltung des Unterrichtsverfahrens abgeben können. Ob aber die methodischen Fingerzeige des Comenius das Lernen zu einer Lust für den Schüler machen, Scheint doch mehr als zweifelhaft zu sein; die von ihm verabscheute Belastung des Gedächtnisses bleibt nach wie vor bestehen. Wir erkannten den tiefgehenden Einfluss, den seine Bestrebungen für eine Encyklopädie des gesamten Wissens auf seine pädagogischen Anschauungen ausübten. Für seine Idee der Allwissenschaft sucht er Allgemeinheit der Prin- cipien und untrügliche Kennzeichen der Gewissheit. Welches sind die Kennzeichen der Gewissheit? Die Beantwortung dieser Frage ist Comenius schuldig geblieben, sie hätte ihn an die Schwelle erkenntniskritischer Betrachtungen geführt. Nur einmal im Prodromus berührt er den Gedanken, dass in den Lehrsätzen der Mathematik das Kennzeichen apodiktischer Gewiss- heit vorliege. Wie kann in den übrigen Wissenschaften die Gewissheit der Mathematik erzielt werden? Die Antwort auf diese Frage musste ausbleiben, da er die Bedingungen und Grund- lagen der mathematischen Wissenschaften nicht kannte.

Da er kein Princip von umfassender Allgemeinheit aufstellen, kein sicheres Kennzeichen für die Gewissheit des Wissens entdecken konnte, so vollzog er die Ordnung des Wissens nach einem ganz fern liegenden Gesichtspunkte. In seiner Rede bei der Eröffuung der weiten Schulklasse zu Patak empfiehlt Comenius eine sorgfältige Nomenclatur ²) der Dinge, da dies nicht nur ein Weg sci, der in die Ferne hinführe, sondern eine weitgeöffnete Thüre, durch welche man eintreten könne ³). Comenius setzt voraus, dass die Dinge und ihre Begriffe parallel laufen. Da nun nach seiner Meinung die Worte die Begriffsbilder der Dinge sind ³). so ergiebt sich ein Parallelismus der Dinge und Werte. Wenn also nach gewissen ¹) Beeger u. Zoubek(Grosse Unterrichtslehre) S. 156. Opera omnia p. 118.

2) Opera omnia Bd. III, p. 745. ³) Comenius Werke, II. Band(Beeger u. Leutbecher) S. 206. Opera omnia Bd. III. p. 745.