Aufsatz 
Festschrift zur Einweihungs-Feier des neuen Gebäudes für die Oberrealschule Marburg a. d. Lahn
Entstehung
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In den einzelnen Wissenschaften, die einer besonderen Gesetzmässigkeit entsprechen lässt sich Leichtes vom Schweren trennen, um den Bildungsstoff für die verschiedenen Stufen des Alters und der Klassen zu finden. Aus dieser Erörterung wird ersichtlich, nach welcher Seite der berühmte Satz des Comenius, allen alles zu lehren, einer Ergänzung bedarf. Dieselbe Belastung mit Stoffe, welche wir bei der Volksschule beklagten, findet sich in den übrigen Schulen seines Systems, da sie ja nur eine Erweiterung des Bildungsstoffes der ersten Schulart darstellen. Eine weitere Steigerung ergiebt sich noch durch das Auftreten der fremden Sprachen in dem Lehrplane der höheren Schularten seines Systems.

4. Die methodischen Grundsätze des Comenius.

Comenius bezeichnet sich selbst als Methodiker. Nach welchen Gesichtspunkten will er nun die Unterrichtsstoffe darbieten? Wir sahen, dass Comenius das Streben nach Bildung als in jedem Menschen vorhanden, voraussetzte. Diese Auffassung ergab sich aus dem Begriffe der Harmonie, der die Grundlage seines Systems bildet. Dieser Trieb nach der Kenntnis der Dinge, der dem modernen Begriffe des Interesses nahe steht, muss belebt werden. Unfehlbar lässt sich ein jedes Wesen dahin leiten, wohin es von Natur strebt; es ist der Zug, der das Ahnliche zum Khnlichen zieht. Mit einer gewissen Lust eilt der Mensch diesem Ziele entgegen und es bereitet ihm sogar Schmerz, wenn er daran gehindert wird. Aus diesen Gedanken ergiebt sich, dass für die Bildung und Erziehung nichts weiter nötig ist als ein leiser Anstoss und eine geschickte Bestimmung der Richtung ¹). Wie der Vogel von selbst anfange zu fliegen, wie das Wasser den Berg hinablaufe ohne angetrieben zu werden, ebenso freiwillig lasse der Mensch sich erziehen und bilden. Diese Behauptung bezieht Comenius auf jeden Menschen, Missgeburten ausgenommen. Wenn bisher viele nicht gefasst hätten, wenn ihnen die gebotenen Dinge zu schwer gewesen wären, so liege das nicht am Menschen selbst, sondern an der schlechten Methode. Später schränkt Comenius seine weitgehende Behauptung in der Bemerkung ein, dass die langsamern Köpfe nur zu einer gewissen Höhe der Bildung gelangen, während in den talentvolleren ein Verlangen entsteht, tiefer in die Sachen einzudringen und nützliche Beobachtungen über dieselben zu Ssammelnꝰ*²).

Der grundlegende Gedanke der komenischen Methodik gipfelt demnach in dem Gedanken, den Anstoss und die Richtung so zu bestimmen, dass ein inniges Verlangen nach vertiefter und erweiterter Kenntnis der Dinge in dem Zöglinge lebendig wird. Es macht fast den Eindruck, als ob Comenius den Begriff des Interesses, wie er sich bei Herbart findet, anticipiert hätte. Es handelt sich aber bei ihm in der Erweckung des Interesses mehr um äusserliche Gesichtspunkte, die in den Dingen selbst liegen, weniger in der physologischen Beschaffenheit des Menschen, die von Herbart betont wird. Wie wird nun dieses Verlangen gefördert? Wie wird es im Menschen belebt?

Comenius macht es den pädagogischen Bestrebungen seiner Zeit zum Vorwurfe, diese Sehnsucht des menschlichen Geistes nicht nur nicht gefördert, sondern vernichtet zu haben.

¹) Beeger u. Zoubek(Grosse Unterrichtslehre) S. 70. Opera omnia p. 54. ²) Beeger u. Zoubek(Grosse Unterrichtslehre). Opera omnia p. 56.