Aufsatz 
Festschrift zur Einweihungs-Feier des neuen Gebäudes für die Oberrealschule Marburg a. d. Lahn
Entstehung
Einzelbild herunterladen

18

pereiten¹). Dem komenischen Erziehungsideale, entspricht es, auf jeder Stufe seiner Entwicklung ein ausgeglichenes Stück menschlichen Wissens, eine Stufe sittlich-religiöser Bildung zu um- fassen, um so dem Endziele, der Gottähnlichkeit, sich nähern zu können. Jede Alters-, jede klassenstufe, hat, um im komenischen Geiste zu reden, ihr pansophisches Ideal, dessen Verwirklichung ihr zur Pflicht gemacht wird. Es soll so unterrichtet Werden, dass die Gesamtheit des Wissens und Könnens sich aus einer Wurzel ableiten lässt. Die ersten Fundamente der gewünschten Einheit sollen bereits in der Volksschule gelegt werden. Sie soll ihre Schüler so vorbereiten, dass nicht nur den Jünglingen, welche in die lateinischen Schulen eintreten, nichts Neues vorkommen könnte, wovon sie nicht bereits eine Probe empfangen häitten, als auch denen, die sich der Landwirtschaft, dem Handel und Gewerbe widmen wollen).

Unverständlich pleibt es, wie Comenius diesen Bruchteil der Encyklopädie aus einer Wurzel abzuleiten gedenkt. Er selbst gesteht zu, dass er das Ziel sehr weit gesteckt habe ³). Aus seinen Auffassungen über das Bildungsziel der Volksschule lässt sich erschen, dass ihm vor allen Dingen die Weite und der Reichtum des Wissens und kKönnens am Herzen liegt. Comenius übersieht, dass die Einheit des menschlichen Bewusstseins sich in nur wenigen Richtungen offenbart und dass nicht der Reichtum des Stoffes, sondern das Charakteristische desselben dieser Einheit Entspricht. Es macht fast den Eindruck, als ob er bereits dem Schüler der Volksschule das bieten wollte, was auf einem Läingsschmitte von Natur und kunst sichtbar wird. Diese Auffassung würde sich decken mit seiner pansophischen Stimmung.

An der angeführten Stelle der grossen Unterrichtslehre über das Bildungsziel der Volks- schule scheint es fast. als ob Comenius das schon früher erwähnte Nützlichkeitsprincip als Fundament Seiner Pädagogik gewählt habe. Es scheint aber nur so! In dem Hinweise auf die praktische Verwertung des Wissens offenbart sich nur sein pädagogisches Bestreben, den Wortunterricht durch Sachunterricht zu ersetzen. Nicht aus Büchern soll gelernt werden, sondern aus der Natur. Der Mensch soll gebildet werden, die Welt der Dinge zu verstehen und zu beherrschen. Die Überfülle des Stoffes gerade in seiner Volksschule wird auch aus der Richtung seiner socialen Bestrebungen verständlich. Wenn der Armut und Verkommenheit des Volkes abgeholfen Werden soll. so muss es in der Ausübung der ihmm obliegenden Arbeit in Handel, Gewerbe und Landwirtschaft zu grösserer Geschicklichkeit herangebildet werden. Jedenfalls steht es fest. dass die Fülle des Stoffes mit welcher Comenius die Jugend über- schüttet, der Idee des erziehenden Unterrichts nicht entspricht. Comenius hat es noch nicht verstanden, die einzelnen typischen Formen des menschlichen Wissens nach dem Gesichts- punkte der jeder derselben eigentümlichen. Gesetzmässigkeit zu ordnen; er hat übersehen, dass der von ihm ersehnte Zusammenhang alles Wissens sich nicht aus einem Principe ableiten lässt, dass der allgemeine Ausdruck des Gesetzes in verschiedenen Richtungen des Bewusst- seins seinen Ursprung hat. Der besonderen Gesetzmässigkeit in den einzelnen Disciplinen entsprechen die verschiedenen Richtungen des menschlichen Bewusstseins. In der Berück- sichtigung dieser Auffassung ergiebt sich ein Princip für die Auswahl der Bildungsmittel und der Sichtung in der Fülle des Stoffes.

z) Beeger u. Zoubek(Grosse Unterrichtslehre) S. 100. Opera ommia p. 74. Beeger u. Zoubek(Grosse Unterrichtslehre) S. 219. Opera ommia p. 172. BSeeger u. Zoubek(Grosse Unterrichtslehre) S. 218. Opera omnia p. 174