Aufsatz 
Festschrift zur Einweihungs-Feier des neuen Gebäudes für die Oberrealschule Marburg a. d. Lahn
Entstehung
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Gemütern der Menschen eintreten. Das religiöse Erziehungsideal findet Comenius in dem Frieden der Seele mit Gott.

Zur Harmonie des Menschen gehört die Erkenntnis und Verehrung Gottes als des höchsten Gutes. Der Mensch erkennt und verehrt Gott im Durchforschen seiner Werke, weil Gott die Wurzeln, die Ideen und die wesentlichen Eigenschaften aller Dinge in sich selber als in einem umfasst. Weil der Mensch aber Gottes Ebenbild, der stellvertretende Gott, in der Welt der Dinge ist, so zieht ihn alles zum Urbilde hin. Wenn Gott das Verderben von seinen Geschöpfen abhält, so sollen die Menschen ebenso handeln, da sie sonst nicht Gottes Ebenbild, sondern nur des Ebenbildes Leiche sind. Weil Gott aller Menschen Besserung und Heil sucht, so muss auch der Mensch ausdauernd suchen, bis er es findet ¹). Die Liebe zu Gott offenbart sich hier in der werkthätigen Liebe zum Nächsten, es kann keiner fromm sein, der nicht seinen Nächsten liebt. Das Endziel der religiösen Bildung zeigt sich ferner in dem Bestreben, die wahre Verehrung Gottes zu finden, die traurige Dissonanz der Religionsparteien in sich zu überwinden. Die Religion, welche Gott ähnlich machen soll, so äussert sich Comenius, sollte uns zur Sanftmut bilden, so aber gibt sie den Vorwand zu Hass, Verfolgung und Grausamkeit, am meisten unter den Christen, die doch einen durch so viele Offenbarungen begründeten Lehrbegriff zu haben glauben. Wie sehr, so ruft Comenius aus, sind wir der ewigen Harmonie entfremdet²)! Auch auf religiösem Gebiete wendet sich Comenius gegen die Sicherheit in den ererbten Meinungen, auch hier solle jeder seiner eigenen Vernunft trauen und erforschen, was Wahrheit und Irrthum sei, keiner brauche an dem Religionsbegriffe hängen zu bpleiben, worin ihn Geburt und Zufall versetzt haben ²). Die Grundbedingungen alles geistigen und sittlichen Lebens, Selbständigkeit und Selbverant- wortlichkeit, wie wir sie bereits früher bei Comenius kennen lernten, sind auch die Grund- lagen des religiösen Lebens. Wahre Erkenntnis Gottes, Verehrung und Liebe zu ihm, ist nur möglich auf Grund dieser beiden Faktoren. Der komenischen Idee von der Harmonie widerstrebt die Zerrissenheit in religiösen Anschauungen. Dem harmonisch gebildeten Menschen muss es am Herzen liegen, Wahrheit und Irrthum in religiösen Dingen zu trennen, das Gemeinsame hervor- zuheben und so den Gegensatz der Confessionen zu überwinden. Für Comenius giebt es nur einen Gott, eine Wahrheit, einen Glauben; es sei gut, alle sectirerischen und streitsüchtigen Religionsbegriffe gar nicht zu kennen und eine stille und verborgene Gemeinschaft des Geistes mit Gott zu pflegen ³). Dem Erziehungsideal des Comenius widerspricht jede Unduldsamkeit in religiösen Angelegenheiten: Friede mit den Menschen! Friede mit Gott! Friede mit den Dingen!)

Man sieht leicht, dass pietistische und rationalistische Motive an der Gestaltung des komenischen Ideals für religiöse Bildung Anteil haben. Obgleich Comenius Bildung zur Tugend und religiöse Erziehung trennt, so fliessen doch beide im Endziel zusammen, da er eine strenge Scheidung religiöser und sittlicher Begriffe nicht vollzogen hat. Für uns handelt es sich nur um die Festlegung des Endziels sittlicher und religiöser Bildung; die Erziehung zu

¹) Panergesia, Leutbecher 317, Bd. II. d. päd. Bibliothek. ) Panergesia, Leutbecher 311.

³) Panergesia, 312.

) Panergesia, Halle 1702, p. 19.