Aufsatz 
Festschrift zur Einweihungs-Feier des neuen Gebäudes für die Oberrealschule Marburg a. d. Lahn
Entstehung
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Ideal der comenischen Pädagogik seinen Ausdruck. Dieses letzte Ziel ist allen Menschen vor die Augen zu stellen ¹)y. Möge dies alles, so äussert sich Comenius, nicht nur in die Thore der Tempel, auch nicht blos in die Zungen, Ohren und Augen aller Menschen eingeschrieben stehen, sondern auch in ihren Herzen ²). Vor allen Dingen mögen es diejenigen beherzigen, welche das Amt, Menschen zu bilden, übernommen haben ²). Der Erzicher möge jeden gewöhnen, dass er dieser Würde und Ergebenheit der menschlichen Natur stets eingedenk sei; jeder Lehrer möge auf die Erreichung eines Zieles von solcher Erhabenheit mit aller Kraft hinwirken. Jeder Mensch soll so erzogen werden, dass er die Gottheit in sich nicht schändet ein Gedanke, der in etwas anderer Form in der Philosophie Kants wiederkehrt. Dieser Auffassung von der Würde des Menschen entsprechen aber die im ersten Abschnitt erörterten Anschauungen des Comenius, wonach der Mensch keiner fremden, sondern nur der eigenen Vernunft trauen solle. Der Gedanke von der Erziehung zur Selbständigkeit in theoretischen und sittlichen Dingen erhält erst hier, nach der Einsicht in das ethische Erziehungsideal des Comenius, seine volle Begründung. Das Endziel bleibt, die Erhabenheit und Gottähnlichkeit im Menschen zur Darstellung zu bringen. Das Mittel ergibt sich in der Bildung und Erziehung zur Selbständigkeit und Selbstverantwortlichkeit. Wenn auch diese Gedanken aus dem System sich ergeben, klar und offen ausgesprochen werden, so finden sich doch auch manche Widersprüche. So gilt in letzter Linie die Bibel als höchste Norm, der jede eigene Einsicht weichen muss. Wenn in dem Gedankenkreise des Comenius auch der Gedanke von der Rückkehr zu Gott, d. h. von der Wiederkehr in das Reich der Ideen, das Primat hat, so predigt Comenius doch keine Weltflucht, weil es Pflicht ist, die Welt der Dinge als einen anderen Ausdruck Gottes zu durchforschen. Das Diesseits ist wertvoll, selbst wenn es nur ein Mittel sein sollte, die Rückkehr zu Gott und in die ewige Harmonie vorzu- bereiten. Dem Gesetze der Harmonie würde es widersprechen, wenn auch nur einer nicht zu Gott zurückkehren könnte, jeder hat die Kraft, sich seiner Gottheit zu erinnern; er muss zurückkehren, weil Ahnliches nie vom Ahnlichen lassen kann. Die Kraft der ewigen Vorsehung hat dafür gesorgt, dass selbst das Verfallene wieder aufgerichtet werden kann. Für Comenius steht es fest, dass der Mensch zur Harmonie, d. h. zum Verständnis der Dinge, zur Tugend und zur Liebe Gottes geboren sei. Die Wurzeln dieser drei Dinge liegen in ihm ebenso sicher, wie an einem Baum die ihm unterbreiteten Wurzeln ³). Gut ist der Mensch nicht, er kann aber stets sich seiner Gottheit erinnern, die Möglichkeit sittlicher Umwandlung des Einzelnen, die Versittlichung der Menschheit ist durchführbar. Comenius glaubt, dass sein Erziehungsideal in der Menschheit zur Darstellung gelangen könne. Der Erziehung und der Staatskunst soll es gelingen, die von Comenius geplante Umgestaltung aller menschlichen Dinge herbeizuführen. Dem harmonischen, d. h. im komenischen Sinne gebildeten Menschen wird es am Herzen liegen, alle Widersprüche im Leben auszugleichen. Die Staatskunst muss ihm zur Hilfe kommen und sich bestreben, alle Menschen gesellig so zu vereinigen, dass sich alle durch ihre Thätigkeit nicht hemmen, sondern fördern⁴), dann wird der Friede unter den

¹) Omnibus hominibus ob oculos ponenda.

²) Beeger u. Zoubek S. 24. Opera omnia p. 19 u. 193.

³) Beeger u. Zoubek(Grosse Unterrichtslehre) S. 34. Opera omnia p. 26. ) Panergesia, Leutbecher 307(Pädag. Bibliothek Comenius Bd. 2).