Aufsatz 
Festschrift zur Einweihungs-Feier des neuen Gebäudes für die Oberrealschule Marburg a. d. Lahn
Entstehung
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An dieser Stelle lässt sich die Frage erörtern, ob der Gedanke einer nationalen Erziehung in Comenius lebendig war. Sein Unterrichtsverfahren trägt einen kosmopolitischen Charakter; er empfiehlt es ganz allgemein als die Methode, die Jugend zu allem zu erziehen, was für das diesseitige und jenseitige Leben nötig sei. Die von ihm geforderte Volksschule bezeichnet er nicht als eine böhmische oder deutsche Schule, sondern als Mutter- sprachschule¹). Nicht dem deutschen oder böhmischen Volke will er helfen, sondern der Menschheit überhaupt. Die Kenntnis der Muttersprache, das Denken in ihr, ist ihm ein Hilfs- mittel in der Erweckung geistiger und sittlicher Selbständigkeit, ihre Bedeutung für die Förderung nationalen Bewusstseins hat er überschen. Diese Schwäche seines Systems zeigt sich recht deutlich in seiner Methodik sittlicher und religiöser Bildung. Die Abhängigkeit der religiösen und sittlichen Erziehung von geographischen, anthropologischen und konfessio- nellen Bedingungen hat er kaum angedeutet. Man muss bedenken, dass die pädagogischen Theorien des Comenius unter dem Einflusse seiner pansophischen Bestrebungen entstanden sind. Seiner Begeisterung für eine encyklopädische Zusammenfassung aller Wissenschaften, seinen Bestrebungen für eine Versöhnung aller Konfessionen reiht sich an seine Thätigkeit für eine universale Methode des Unterrichts. Kirche, Staat, Obrigkeit sind ihm geläufige Begriffe, den Begriff des Vaterlandes konnte der arme vom Schicksal umhergetriebene Mähre nicht fassen. Seine Liebe gilt weniger seiner Heimat Mähren, als den Brüdern der böhmischen Unität. Immerhin muss betont werden, dass er die Idee der allgemeinen Volksschule ausgedacht, dass er in der Muttersprache ein Mittel geistiger und sittlicher Förderung erkannt hat.

2. Das Erziehungsideal des Comenius.

Wir erwähnten die Gemütsstimmung des Comenius, religiöse und wissenschaftliche Interessen systematisch zu ordnen und verbinden zu wollen. Er trägt sich mit dem Gedanken, alles nach Zahl, Mass und Gewicht ordnen zu können ²). Er sucht nach Principien, in denen er Wesentliches vom Unwesentlichen trennen, das gesamte Wissen in einer systematischen Einheit verbinden hann. Verwandtes soll fester verbunden, alle Gegensätze sollen ausgeglichen werden. Aller Wissensstoff soll nach dem Gesichtspunkte der mathematischen Gewissheit geordnet werden ²). Die Pansophie, so nennt er seine Einheit des Wissens, soll nicht nur die Geheimnisse der Natur, sondern das AIl der Dinge im Auge haben. Zur Erforschung der Natur genüge, so äussert er sich, die Methode des Baco von Verulam ³).

Die von Comenius geforderte Einheit des Wissens findet ihre Berichtigung in der von ihm gemachten Voraussetzung, dass Harmonie die Grundlage aller Dinge, alle Gegensätze in den Dingen nur scheinbar seien. Wie die unendliche Mannigfaltigkeit der Töne in der Musik sich nur auf wenige Grundtöne zurückführen lasse, so der Reichtum der Erscheinungen auf wenige Principien des Seins 4). Die Principien des Seins, meinte er, sind die besten Principien des Erkennens). Der möglichen Einheit des Wissens entspricht die Einheit der Dinge

¹) schola vernacula.

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²) Comenius Werke II. Bd.(Ubersetzung von Beeger u. Leutbecher) 93. Opera didactica omnia p. 426. ³)

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Beeger u. Leutbecher S. 101. Opera omnia p. 432, 63. Beeger u. Leutbecher S. 101. Opera omnia p. 437, 48, 49.

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