Aufsatz 
Festschrift zur Einweihungs-Feier des neuen Gebäudes für die Oberrealschule Marburg a. d. Lahn
Entstehung
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Dramen eines Sophokles und andrer. Während nun die sprachliche Ausbildung auf dem Gymnasium durch Latein, Griechisch und Französisch erzielt wird, soll dies auf dem Real- gymnasium durch Latein, Französisch und Englisch und auf der Oberrealschule durch eingehendere Betreibung der französischen und englischen Sprache geschehen. Der früher so stark betonte Begriff der formalen Bildung, die durch die Gymnasien erzielt werden sollte, ist aufgegeben. Die sprachlich-logische Schulung durch das Lateinische soll auf der lateinlosen höhern Schule durch das Französische und Deutsche bewirkt werden. So führt die Oberrealschule in guten Übersetzungen in die hervorragendsten Schätze der Antike ein, sie schärft das Verständnis für den sprachlichen Aufbau durch das Französische und erschliesst die reichen Schätze der Litteraturen der gebildetsten Völker der Gegenwart: der Franzosen, Engländer und Deutschen. Eine solche Erziehung und Bildung ist aber eine humanistische, sie erschliesst den Zugang zu dem Höchsten und Edelsten, was Menschengeist und Menschenher⸗ geschaffen und gefuhlt hat. Dazu kommt, dass die Oberrealschule wesentlich höhere Leistungen in der Mathematik und den Naturwissenschaften aufweist. Während sie sonach einerseits durch die unerbittlich strenge Mathematik ihre Jünger in eine stramme logische Schulung nimmt und ihnen die Freude am Gewissen, am W ahren giebt, lässt sie anderseits ihre Zäglinge einen tiefen Einblick thun in die reiche und doch gesetzmässige Mannigfaltigkeit der Natur. Hierin liegt doch wahrlich nicht ein praktisches, sSondern ein hohes ethisches Interesse*. Wer sich zum Kenner, ja zum Herrscher der Natur aufgeschwungen hat, der ist im Stande der Menschheit zu grossem Segen zu gereichen. Darum legten ja auch die alten griechischen Philosophen und Dichter einen so wesentlichen Wert auf die Natur-Erkenntnis. a die Behauptung sicher wahr ist, dass nur derjenige sich eine höhere Allgemeinbildung erworben hat, der mit istorische. Kenntnis einen richtigen Einblick in die Natur verbindet, so muss man unbedingt die Ober- realschule als eleichberechtigt neben das Gymnasium und das Realgymnasium stellen*. Nach diesem Ziele strebt ja auch die Entwicklung unseres höheren Schulwesens: auf einer gesicherten Grundlage in der Erkenntnis der Geschichte des menschlichen Geistes eine genaue Bekanntschaft mit den Gesetzen der Natur aufzubauen, der Natur, die uns alle umgiebt, und von der wir alle abhängig sind.

Somit ist die Oberrealschule ein modernes oder wie manche wollen ein neusprach- liches** Gymnasium geworden neben dem altsprachlichen und dem gemischtsprachlichen. Da nun hier seit mehr als 450 Jahren ein Gymnasium blüht, so war es naturgemäss, dass man bei der Umwandlung des alten Realprogymnasiums eine zeitgemässe Vollanstalt mit ebenso idealen Zielen auf praktischem Boden ins Auge fasste: eine Oberrealschule.

Wie auch die weitere Entwicklung unseres höheren Schulwesens sich gestalten möge, in der Richtung der Vereinigung, wie sie in wünschenswertester Weise die Reformschufen auf der Grundlage der Ansichten von Comenius darbieten, oder auf dem bisherigen Wege der Trennung der einzelnen Arten, soviel ist gewiss, dass der Oberrealschule das Recht zu ihrer Existenz nicht mehr bestritten werden kann. Stets wird und muss sie ein wichtiges Mittel zur Erlangung einer höheren Allgemeinbildung bleiben. Voll und ganz wird sie indessen ihre Art erst dann entfalten können, wenn die realistische und die humanistische Ausbildung als völlig gleichwertig anerkannt sein wird.

* Aufdas humanistische Element im exact-wissenschaftlichen Unterricht weist Pietzker eingehend hin(Gymm. Nordhausen, 1894). rer Vergleiche u. a. besonders Matthias, Die Gleichwertigkeit der Oberrealschul- und Gymnasialbildung. Vergleiche besonders die zahlreichen Schriften und Vorträge von A. Wernicke, z. B.Das Gymnasium und sein sogenanntes Monopol Pädag. Archiv, 1897;Zur schulpolitischen Lage ebenda 1898,Was verlangt die Technik von der Oberrealschules, 1897,Meister Jakob Böhme, Braunschweig 1898, vor allem sein Buch Kultur und Schule, Osterwick a. Harz, 1896.

Siehe die nachfolgende Abhandlung von Prof. Böhmel, S. 7.