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grössere Pflichten zu erfüllen. Verschwunden war der alte Kasten und klassen-Staat; jeder Uuterthan war zur Mitwirkung in politischen und kommunalen Dingen berufen und deshalb auch verpflichtet, eine erweiterte Ausbildung anzustreben. Schon längst fiel der Begriff der allgemeinen Bildung mit derjenigen der gelehrten nicht mehr zusammen; neben dem Gelehrten erwarb sich der Gewerbetreibende, neben dem Beamten der Kaufmann eine hervor- ragende Stellung und Bedeutung. So musste die reale Bildung zunächst im Gegensatze zur gymnasialen eine immer grössere Wichtigkeit und eine stetig zunehmende Stellung erringen*
Im ehemaligen Kurhessen ſinden wir die ersten Spuren einer realistischen Bildung in dem Lyceum Fridericianum zn Cassel, das schon in älterer Zeit durch seine unteren Klassen eine bürgerliche Bildung vermitteln wollte, eingehender aber in dem Collegium illustre Car olinum dortselbt, das am 2. November 1709 errichtet worden war, und in der Einrichtung, die um dieselbe Zeit der pietistische Rektor Dr. Konrad Mel in Hersfeld seinem Gymnasium gab. Eigentliche Realschulen entstanden jedoch erst hundert Jahre später, wo nämlich 1809 hier in Marburg ein erfolgreicher Meaucn der Verbindung von Gymnasien mit Realschulen am Pädagogium angestellt wurde. Ihm folgten 1812 und 1813 die Grün- dungen von selbständigen Realschulen in Cas sel und in Ha nau, die sich auch nach der Vertreibung der westphlälischen Fremdherrschaft und der Rückkehr der alten Verhältnisse bis in die Jetztzeit durch manche Wandlungen hindurch erhalten haben. Erst in der Zeit der ersten ministeriellen Thätigkeit des bekannten Hassenpflug geschahen, wie auf dem Gebiete des gymnasialen, so auch auf dem des realistischen Schulwesens Fortschritte, besonders auch auf Betreiben des Landtags.
Am 3. Dezember 1832 wurde in Cassel eine höhere Gewerbeschule eröffnet, die dann zur Neugründung von Realschulen bezw. von Realklassen im ganzen Lande Veranlassung gab. Die Direktion dieser Anstalt beantragte nämlich am 30. Januar 1836 die Einrichtung einer vierten Klasse, um die Schüler zur erfolgreichen Benutzung des Instituts vorzubereiten. Statt dessen verfügte das Ministerium am 17. März, dass in Cassel eine besondere Realklasse zu diesem Behufe gegründet würde, die nach manchen Verhandlungen auch am 17. Oktober 1836 eröffnet worden ist. Am 7. November 1836 erfolgte dann das Ausschreiben des Kurfürstlichen Ministeriums des Inneren, das zum Ausgangspunkte der kurhessischen Realschulen(ausser in Cassel und Hanau) werden sollte*. Durch dasselbe wurden nämlich die Schulvorstände in den Städten Marburg, Fulda, Eschwege, Hersfeld und Schmalkalden auf- gefordert, geeignete Schritte zur Errichtung solcher Schulen zu thun, welche teils zum Besuche der höheren Gewerbeschule zu Cassel unmittelbar vorbereiten, teils denjenigen Schülern, welche sich dem Gewerbestande widmen wollten, eine dem jetzigen Zustande und den Fortschritten der Gewerbe entsprechende Ausbildung geben sollten. In allen diesen Städten wurde dieser Erlass mit grosser Freude begrüsst, besonders in Marburg, wo die Stadtbehörde schon vorher einen Organisationsplan für eine Realschule durch Professor Hessel und Pfarrer Schmitt hatte ausarbeiten lassen. Noch in demselben Jahre berichtete der Oberbürgermeister Volkmar, dass die Stadt das erforderliche Schullokal d einen jährlichen Zuschuss von 200 bis 300 Thalern zu stellen bereit sei. Aber erst am 8. Oktober 1838 konnte die auf zwei Klassen berechnete Realschule zu Marburg anhe mit einer Klasse in dem städtischen Gebäude am Grün eröffnet werden.
Diese hessische Realschule zählte bis zum Jahre 1854 nur zwei, bis 1861 drei und bis 1867 gar nur eine Stufenklasse. Die Entwicklung der Schule in diesen 29 Jahren ist eine
* Genaueres in Artikel: Realschulwesen in Deutschland von K. Knabe in Reins Handbuch der Pädagogik.
ir Vergleiche: Knabe, Vorgeschichte und Entwicklung der Oberrealschule zu Cassel(1812 bis 1893) und Übersicht Fiber die Entwicklung des Realschulwesens in der Provinz Hessen-Nassau; für die folgende Darstellung besonders: Hempfing, Rückblick auf das 25jährige Bestehen des Realprogymnasiums zu Marburg, welchem eine Geschichte der früheren Realschule vorausgeht.


