Die Oberrealschule zu Marburg.
Ein Wort zur Einweihung ihres neuen Gebäudes am 10. X. 1899.
Vom Direktor Dr. Karl Knabe, korrespond. Mitgliede der Königl. Preuss. Akademie gemeinnitziger Wissenschaften zu Erfurt.
Der 10. Oktober 1899 wird in der Geschichte der Oberrealschule zu Marburg auf lange Zeit hinaus der wichtigste und erfreulichste Tag sein, nicht nur deshalb, weil ihr an diesem Tage neue Räumlichkeiten übergeben werden sollen, sondern weil sie durch die Einweihung des neuen, grossen und stattlichen Gebäudes auch äusserlich in den Rang erhoben wird, der ihrem Zwecke und ihren Zielen entspricht.„Kleider machen Leute!“ und so freuen wir uns, dass die höhere städtische Unterrichtsanstalt mit diesem Tage auch inbezug auf ihr Gewand eintritt in den reichen Kreis der hiesigen Institute, welche zur höheren Ausbildung der männ- lichen Jugend errichtet worden sind. Grosse Opfer sind gebracht, viele Arbeit ist geleistet, reiche Mühen sind aufgewandt worden, um dies Ziel zu erreichen. So sei denn nnserer Freude und dem Danke an alle, die mit Rat und That zu der Verwirklichung dieses Zieles beige- tragen haben, Ausdruck gegeben! Möge dem Fortschritt im äusseren Ausbau ein stetig weiter schreitender Fortschritt in der inneren Entwicklung entsprechen! Wie auf die wenigen engen, kleinen Zimmer in dem jetzt niedergelegten alten städtischen Schulhause am Grün, auf die dürftigen Stuben in dem Gebäude in der Nikolaistrasse und auf das allmählich vollständig gefüllte und überfüllte bescheidene Schulhaus am lutherischen Kirchplatz nun dies stattliche, geräumige nnd ansprechende Anstaltsgebäude, das Licht und Luft den freiesten, ungehindersten Zutritt gewährt, gefolgt ist, so ist auch in der Entwicklung der Anstalt von der einstufigen, mehr fachlichen Realschule aus der Fortschritt zu einer neunstufigen Vollanstalt festzustellen.
Es sei gestattet mit kurzen Worten auf die Entwicklung und das Wesen dieser Anstalt hinzuweisen, denn die Kenntnis der Vergangenheit erhöht die Freude an der Gegenwart und gibt uns den Mut zur Hoffnung für die Zuknnft.
Schon seit Anfang des 18. Jahrhunderts rang die Idee der Realschule nach einer festen Gestaltung. Die Zeitverhältnisse an der Wende unsers Jahrhunderts unterstützten und ver- hinderten, förderten und hemmten zugleich die Ausführung dieser Schulen. Aber die Not- wendigkeit derselben stand fest, durch den gewaltigen Umschwung auf socialem Gebiete hatten sich Unterrichtsanstalten erforderlich erwiesen, die dem Bürgertum eine höhere Bildung angedeihen liessen, die den Bürger befähigten, erweiterte Rechte wirklich auszuüben und


