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keit noch 100 Jahre geschrieben haben könnte und dennoch die Erkenntnis der Wahrheit und des Evangeliums nicht so weit gebracht hätte, als es Dr. Luther mit seinen ernsten tapferen Schriften und mit seiner heftigen Handlung in wenig Jahren durch Gottes Gnade und Hilfe gebracht hat. lch muß die Wahrheit bekennen, daß mich Dr. Luthers heftige und ernste Schriften vielmals auch selbst verdrossen haben. Wenn ich aber bedenke, wie mich Gott hat eifern und lehren lassen, So finde ich, daß gewisse wüste Wunden nicht mit sanften, gelinden Pflastern zu heilen sind.«
Trotz dieses beweglichen Schreibens blieb der Graf bei seinem Entschluß und ließ den Pfarrer ziehen. Da er aber nicht leicht einen Ersatz für ihn finden konnte, wandte er sich an Luther selbst mit der Bitte, ihm einen geschickten Prädikanten zu schicken, einer Bitte, der Luther gern entsprach, wenn er auch bemerkte, daß sie in Sachsen ebenfalls Mangel an Predigern hätten und oft genötigt seien, solche aus den Dörfern zu holen, um die Stellen in den Städten zu besetzen. Auch dieser von Luther empfohlene Pfarrrer war in Weilburg nicht auf Rosen gebettet, auch er mußte klagen, daß er nur kümmerlich das liebe Brot habe, das Kind weine oft in der Wiege und die Mutter schlage es, aber es habe viel lieber zu essen und zu trinken. Gewiß hätte der Graf solchen Mißständen gern abgeholfen, wenn es ihm seine Mittel nur irgend erlaubt hätten. Trotz des großen Geldmangels entschloß sich dieser aber doch noch im Jahre 1540 zu einem weiteren, hochbedeutsamen Schritt: er errichtete in Weilburg eine sogenannte Freischule und legte damit den Grund zu dem noch heute dort bestehenden Gymnasium. Wie dringend nötig aber die Reformation in jenem Gebiete war, das bezeugte endlich noch im Jahre 1542 ein Hirtenbrief des Erzbischofs von Prier, der sich noch immer als kirchlichen Oberherrn betrachtete.
»Wir werden glaubhaft berichtet, heißt es darin, daß die Geistlichen in unserem Erzstift mit ihrem Leben, Handel und Wandel sich sehr ungebührlich halten und dadurch dem gemeinen Mann viel Krgernis geben, indem ihrer etliche Tag und Nacht in offenen Wirtshäusern beim Wein sitzen und alle Leichtfertigkeit unter sich und mit dem Bauersmann pflegen, sich auch vielmals einander hauen, stechen, raufen und schlagen und sonst in ihren Häusern viel in verdächtiger Beiwohnung dermaßen leben sollen, daß jedermann daran ein bös Exempel nehme und von ihrer Leichtfertigkeit zu sagen wisse. So bilden sie dem christlichen Volk mit ihrem verlassenen Leben den Weg der Un- tugend vor, da sie doch billiger nach der Lehre Christi unseres Heilandes unsere Untertanen zur Zucht und Ehrbarkeit reizen und bewegen sollten. Wiewohl wir demnach meinen, eine christ- liche Reformation vvorzunehmen, sobald wir das anderer Geschäfte halber können, wollen wir nichtsdestoweniger gern sehen, daß mittlerweile ein jeglicher von den Mängeln und Ge- brechen, die unleugbar wahr und offen) sind, zu Herzen nehme und sein Leben also führe, damit wir zur Zeit der Reformation eine christliche gute Vorbereitung finden und dieselbe Reformation desto besser fördern und erheben möchten.-
g. Wilhelm der Reiche von Dillenburg stand im Anfang seiner Regierung noch zu sehr unter dem Einflusse seines bei dem Kaiser hochangeseheuen Bruders, des Mark- grafen Heinrich, um sich der Reformation anschließen zu können. Seitdem er aber im Jahre 1526 mit dem jungen Herzog Joh. Friedrich von Sachsen, dem später so gesinnungstreuen Kurfürsten, und durch ihn mit der lutherischen Lehre näher bekannt geworden war, gewährte er ihr in seinen Landen freien Spielraum, nahm sich einen evangelischen Hofkaplan und beseitigte wenigstens die schlimmsten Mißstände.
Etwa in das Jahr 1530 fällt bereits eine Instruktion an die Geistlichen, nach der sie sich bei Vermeidung von Strafen hinfort richten sollen. Die Messe wird darin noch nicht angetastet, dagegen werden»die Umgänge, so über Feld mit dem Fronleichnam Christi gehalten werden,« gänzlich unter- sagt, weil das Sakrament zu solchem Gebrauch nicht eingesetzt sei. Desgleichen werden die Wall- fahrten verboten, insbesondere die zu den»wilden« Kapellen, weil sie zum Aberglauben und zur größten Sittenlosigkeit geführt hätten. Durch die Wunder an den Gnadenorten solle man sich nicht
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