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In den übrigen Landesteilen, namentlich auf dem Westerwald und in der Grafschaft Katzenellenbogen, wurde der Ausbruch des Aufstandes durch geeignete Vorkehrungen der Regierungen noch rechtzeitig verhindert. Nur in Wiesbaden kam es trotz des Entgegen- kommens der Obrigkeit noch zu ernsteren Händeln; doch hatte die Bewegung hier, so weit unsere Kenntnis reicht, keinerlei Zusammenhang mit reformatorischen Bestrebungen.
e. Dem Übertritt des Landgrafen Philipp von Hessen folgte nach der Synode zu Homberg, auf der ein Nikolaus Ferber aus Herborn die Sache des Papstes gegen den ehemaligen Mönch Lambert von Avignon verteidigte, im Jahre 1526 die Einführung der Reformation auch in der Grafschaft Katzenellenbogen.
Sie begann damit, daß den Pfarrern geboten wurde 1) den Gottesdienst fortan nach Anleitung von Dr. Martin Luthers Büchlein von der deutschen Messe zu feiern, 2) dem anstößigen Kanon vom Meßopfer bei der Austeilung des heiligen Abendmahls fortzulassen, 3) die abgöttisch ver- ehrten Bilder zu beseitigen,) nicht mehr so viel Kerzen wie bisher anzuzünden, 5) nicht mehr Wallfahrten zu veranstalten und é) nicht mehr so viel Feiertage zu begehen.
f. In Weilburg hatte sich Graf Philipp III. bald nach seinem Regierungsantritt (1523) mit Männern umgeben, welche die neue Richtung vertraten, und schon 1524 brach ein folgenschwerer Konflikt zwischen ihm und dem Erzbischof von Trier über die geist- liche Gerichtsbarkeit aus, in dem er bei dem Entgegenkommen der Bevölkerung leicht die Oberhand behielt. Durch diesen Erfolg ermutigt, berief er 1526 den angesehenen Dr. Erhard Schnepf aus Heilbronn zum Pfarrer und Lehrer nach Weilburg, dessen glänzender Beredsamkeit und eifrigen Bemühungen die Befestigung des Grafen und der Bürgerschaft in der reformatorischen Gesinnung hauptsächlich zuzuschreiben ist. Mit dem langsamen Fortgang in der Beseitigung der Mißstände unzufrieden und durch Sorgen für seinen Unterhalt gedrückt, folgte dieser indes 1528 einem wiederholt und dringend an ihn ergangenen Ruf an die neu errichtete Universität Marburg. Doch war sein Werk in Weilburg nicht vernichtet, wie seine Gegner schon jubelten; denn der Graf, den die Erzbischöfe von Mainz und Trier sowie die Verwandten in Idstein und Saarbrücken zu warnen nicht müde wurden, berief einen gleichgesinnten Nachfolger, der es fortführte. 1538, hob er endlich auch das Kloster Pfannstiel auf, das Schnepf als Mittelpunkt des»Aberglaubens und papistischen Schwindels- bezeichnet hatte. Diesen wichtigen Fortschritt sollte leider der Mann nicht mehr erleben, der bisher unter den schwierigsten Verhältnissen der Weilburger Gemeinde treu vorgestanden hatte, der Stadtpfarrer Volkmar. Er war wegen Anwendung des Kirchenbannes mit dem Grafen in Streit geraten, und da er auf dem Gebrauch dieses Strafmittels bestehen zu müssen glaubte, entlassen worden. Aus dem Brief, den er an den Grafen richtete, und in dem er ihm noch einmal seine traurige Lage auseinandersetzte, ersehen wir, wie wenig ver- lockend damals das Amt eines evangelischen Pfarrers gewesen sein muß. Mit Mühe nur bringt er seine geringe Besoldung zusammen. Das Stift, die Bürger, die Dörfer sind ihm den Zehnten noch von mehreren Jahren her schuldig, seine mitgebrachte Barschaft hat er zugesetzt, und doch ist er noch in Schulden geraten. Interessant ist auch die Stelle, in der er sich gegen den Vorwurf der Heftigkeit verteidigte:
„Es hat der hochgelehrte, weitberühmte, teuere Mann Erasmus von Rotterdam gar weidlich ge- schrieben von christlichen Sachen und dabei die Mißbräuche und Fehler, die sich in dem christlichen Glauben begeben haben, gar nicht verschwiegen, sondern weidlich angezeigt, aber doch so gütlich, daß auch die Feinde der Wahrheit und seiner Person deshalb keine redliche Ursache wider ihn aufbringen konnten. Nun ist aber kundig, daß derselbe Dr. in solcher Weise der Güte, Sanftmut und Gelindig-


