Aufsatz 
50 Jahrfeier der Oberrealschule zu Grünberg i. H. : 22.-24. Mai 1926 ; Gedenkblätter / von W. Angelberger
Entstehung
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Kanzel zu verbieten. Sofort trat Hartmuth in Verbindung mit einigen gleichgesinnten Freunden aus dem Taunus für die Bedrängten ein. In einer Reihe von Schriften und offenen Briefen, die von glühendem Hasse gegen die Priesterschaft und ungestümem Verlangen nach Beseitigung der Mißbräuche eingegeben waren, wandte er sich an den Rat und die Bürgerschaft und warnte sie vor»den falschen Propheten und Wölfen., An den Straßenecken und Kirchtüren angeheftet und auf allen Zunftstuben verlesen, riefen sie eine mächtige Strömung zu gunsten der Reform hervor. Der Rat freilich, der es mit dem Kaiser und Erzbischof nicht verderben wollte und daher noch längere Zeit auf Seiten der altgläubigen Partei stand, gab dem Ritter nicht undeutlich zu ver- stehen, er möge sich nicht in fremde Angelegenheiten mischen. Aber das hielt ihn nicht ab, immer kühner aufzutreten. Schon hierbei ist er nicht von dem Vorwurf freizu sprechen, daß er durch sein ungestümes Vorgehen den tumultuarsschen Charakter der Frankfurter Bewegung mit veranlaßt hat, wie sich denn der Hauptgegner der Reform, ein gewisser Dr. Meyer, schließlich auf einem Fischerkahn aus der mächtig gegen ihn aufgeregten Stadt flüchten mußte. Ein solches Vorgehen stimmt natürlich nicht mit dem Evangelium, auch nicht mit Luthers eigenen Anweisungen, der den Stürmern in Witten- berg zurief:»Das Wort und nur das Wort allein muß alles tun. Die Irrenden und Schwachen muß man Gott befehlen und für sie beten, aber mit Gewalt soll niemand zur Lehre des Evangeliums gezwungen werden.«

Noch weniger freilich handelte er im Sinne Luthers, als er sich an der Fehde seines nahen Anverwandten Franz von Sickingen gegen das Prierer Erzbistum beteiligte. Wir wissen, wie sehr sich Sickingen bemühte, für diesen Kampf, der die Unabhängigkeit des niederen Adels vor der Ubermacht der Fürsten sichern, dabei aber auch»dem Evangelium im Reiche der Finsternis ein Loch machen« sollte, auch den gewaltigen Mönch in Wittenberg zum Bundesgenossen zu gewinnen, wie dieser aber zum Glück für seiue Sache dem Unternehmen völlig fern blieb und schließlich in dem unglücklichen Aus- gange das Walten der göttlichen Gerechtigkeit verehrte. Daß Hartmuth nicht so tief- blickend war, das Unrecht einzusehen, daß er sich vielmehr ohne Bedenken an Sickingen anschloß und, während dieser nach Trier zog, die Verteidigung der Ebernburg übernahm, zeigt uns nur, wie schwer es in jenen Zeiten der allgemeinen Gärung auch für den Gut- gesinnten war, in allem den richtigen Takt zu bewahren. Der Ritter, den Hutten»den unschuldigsten und frömmsten in unserem Orden« nannte, mußte für seine Schuld schwer büßen. Cronberg wurde belagert, und nur mit Mühe konnte sich Hartmuth durch einen geheimen Gang retten. Von Burg und Hof vertrieben, irrte er jetzt lange Zeit in der Schweiz und Deutschland umher. Gelegentlich finden wir ihn auch in Wittenberg, wo er mit Luther persönlich bekannt wurde, der seine Überzeugungstreue bei all den schweren Prüfungen rühmte. Denn alle Bemühungen, in das Erbe seiner Väter zurück- kehren zu dürfen, blieben vorläufig erfolglos. Jetzt mußte er zeigen, ob es ihm Ernst gewesen, was er einst an Luther geschrieben:»Ich will lieber um der Wahrheit willen von der Welt geächtet werden und leiden, als daß ich von der wahren christlichen Brüderschaft und von Christo ausgeschlossen werden sollte. Ich bin des gewiß, daß mein Adel und Reichtum, und ob ich gleich von der edelsten kaiserlichen Geburt der Welt geboren und ob ich ein Herr aller Reichtümer der Welt wäre, so ist doch solches alles für ein Schatten und Nichtigkeit zu rechnen gegen den wahrhaftigen Adel des aller- geringsten Christen, der an den Herrn Christum recht glaubt und mit ganzem Herzen