Aufsatz 
50 Jahrfeier der Oberrealschule zu Grünberg i. H. : 22.-24. Mai 1926 ; Gedenkblätter / von W. Angelberger
Entstehung
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warm verteidigte. Ihm folgten weitere Sendschreiben an das Reichsregiment in Nürnberg, an den Erzherzog Ferdinand, an den Erzbischof von Trier, Papst Leo X, den Rat von Straßburg, alle Stände des deutschen Reiches, an die Schweizer, die Böhmen u. a. Treuherzige Begeisterung und rücksichtslosen Mut atmen sie alle, nicht selten verraten sie aber auch unbesonnenen Übereifer und ein- seitige Beschränktheit. 3

Bemerkenswert ist u. a. seine Christliche Ermahnung an die vier Bettelorden. in der er sie auffordert, von ihrem Widerstande gegen Luthers Lehre abzulassen, da sie in der heil. Schrift wohl begründet und bis jetzt noch nicht widerlegt sei. Dringend bittet er sie, seine Worte nicht zu ver- achten, weil sie von einem Laien kämen; denn die christliche Wahrheit müsse man annehmen, und wenn sie auch von der allergeringsten Kreatur vorgehalten werde. Ehe er dies Sendschreiben ver- öffentlichte, schickte er es an Luther auf die Wartburg. Der war hoch erfreut über des Ritters Erkenntnis der Wahrheit, sowie über seine Lust und tätige Liebe zu ihr, gab auch diesem Gefühl bei der Rücksendung der Schrift in einem herzlichen Briefe Ausdruck.»Denn man spürt wohl, so lauten seine eigenen Worte, daß Euer Wort aus Herzensgrund quillt und zeigt, daß es nicht wie bei vielen allein auf der Zunge und in den Ohren schwebt, sondern im Herzen wohnt.«

Auch dem neuen Papste Hadrian VI. widmete Hartmuth ein besonderes Schreiben. Er ver- schweigt sich darin nicht, daß man es ihm als Tollheit auslegen werde, wenn er sich geradeswegs an eine so übergroße Majestät wende. Aber der Papst sei ja als ein tugendhafter Mann bekannt, und so hoffe er, am Ende doch bei ihm Gehör zu finden. Freimütig erklärt er ihm:»Dein Papsttum ruht wahrlich auf einem bösen und faulen Grunde; das Haus, so darauf gebaut ist, vermag vor den Winden und Platzregen nicht zu bestehen. Der wahre Grund der Kirche ist nicht Menschen-, sondern Gottes Wort, wie es die Propheten, Christus selbst und die Apostel ausgesprochen haben.« Er rät dem Papste, aller weltlichen Herrschaft zu entsagen und sie samt seinen Reichtümern dem Kaiser Karl zu übertragen, damit sein Reich nicht von dieser Welt sei. Dagegen möge er als ein guter Hirte die Schafe des Erzhirten Jesu Christi weiden! Auch über dies Schreiben drückte Luther dem Verfasser seine hohe Freude aus.

Hadrian VI. fuhr aber in seiner Feindschaft gegen»den Erzketzer« fort, ja er forderte immer dringender den Kaiser auf, die neue Lehre mit allen Mitteln der weltlichen Macht auszurotten. Da glaubte Hartmuth einen weiteren Schritt tun zu müssen. Er wandte sich an Karl V. und mahnte ihn, sich nicht durch Menschenfurcht von dem rechten Wege abwendig machen zu lassen. Hatte ihm unser Landsmann schon früher zugerufen:»Folge nicht dem Papste, der sich untersteht, das Wort Gottes zu unterdrücken, sondern gib Raum dem wahren Knechte Gottes Dr. Luther, welcher viel tausend Menschen zum wahren Brunnen Jesus Christus geführt hat!«, so gab er ihm jetzt den Beweis, daß es ihm mit all seinen Schritten voller Ernst war und daß er sie nur aus Liebe zur Sache getan. Er verzichtete freiwillig auf die für jene Zeit nicht unbedeutende Summe von 200 Goldgulden, die ihm Karl bisher zur Belohnung für bei der Wahl in Frankfurt geleistete Dienste hatte jährlich auszahlen lassen.

Über seinen weitgehenden Hoffnungen und Wünschen vergaß Hartmuth aber auch nicht seine lieben Cronberger. Auch ihnen widmete er eine eigene Schrift, in der er seine Ansichten über die Tagesfrage auseinandersetzte.»Menschengesetze und Menschengutdünken, erklärte er darin, hatten uns das himmlische Licht verfinstert, uns in einen dunkeln Nebel geführt. Wir waren viele hundert Jahre verhindert, zu der wahrhaftigen Erkenntnis Jesu Christi zu gelangen, in welchem doch allein unser aller Seligkeit steht. Jetzt aber dringt das Licht durch die Nebel hindurch.« Der evangelischen Predigt gewährte er in seinem Gebiete natürlich freie Ausübung, gestattete auch einem Pfarrer, sich zu verheiraten. Bezüglich der Zeremonien aber war er ganz wie Luther der Ansicht, man solle sie nicht sofort abschaffen, sondern so lange dulden, bis etwas Besseres an ihre Stelle trete. Nur sollten sie hinfort nicht mehr als notwendig zur Seligkeit betrachtet werden.

Bald sollte unser Ritter weitere Gelegenheit haben, seinen glühenden Eifer für die Reformation in nächster Nähe zu betätigen. In Frankfurt hatte sich der Senat durch die Drohungen des Erzbischofs dazu bewegen lassen, den»lutherischen« Geistlichen die