Aufsatz 
Zur Erklärung des Namens Magdeburg / von Oberlehrer Dr. Elschner
Entstehung
Einzelbild herunterladen

19

somit erkannt hatte, daſs die alte Burg dem Orte nicht genügenden Schutz bot, ist nicht stich- haltig, denn erstens ist noch nicht entschieden, ob die neue Burg M. gegenüber auf dem anderen Elbe-Ufer oder bei, neben M. auf demselben Ufer lag. Aber selbst wenn sie neben M. stand, so schlieſst das nicht aus, daſs die alte Burg, von der die Stadt den Namen führt und um die sich später neue Ansiedelungen bildeten, zur Zeit der Gründung als gegen die damals möglichen Angriffe unbedingt sicher, ja als uneinnehmbar gelten konnte. Contra als gegenüber am andern Ufer würde allerdings unserer Deutung günstiger sein.

Für diese scheint aber das Wappen der Stadt zu sprechen, das eine Jungfrau zeigt, die auf einem Burgthor steht und einen Kranz in der emporgehobenen und vorgestreckten Hand hält. Nun ist zwar richtig, was Hülſse sagt, daſs das Wappen nicht auf den Namen eingewirkt haben kann, aber andererseits ist doch klar, daſs derjenige, der das Wappen schuf oder der es schaffen lieſs, recht wohl durch die so gezeichnete Gestalt der Magd hat sagen wollen: Seht, ich bin eine jungfräuliche Burg und habe zum Zeichen dessen meinen Kranz noch. ¹) Es ist dieser Sinn vielleicht zur Entstehungszeit des Wappens in den Namen bineingedeutet worden, könnte aber recht wohl auf alter Tradition beruhen. Sello zeigt nun(Magd. Geschichtsblätter, 21, 430 ff.),) daſs das älteste bekannte aus der Mitte des 13. Jahrh. stammende Stadtsiegel wohl die Magd aufweist, aber ohne Kranz, während auf den aus dem 14. und späteren Jahr- hunderten überlieferten Siegeln die Magd stets mit dem Kranze erscheint. Über die Frage, was das Wappen zu bedeuten habe, äuſserte sich zuerst Westphal(a. o. O.), dann L. Clericus, das Wappen der Stadt M. 1884, der vermutet, daſs der Kranzeinem Volksliede entstammendes Symbolum bewahrter Jungfräulichkeit sei; vielleicht sei er ursprünglich in jenem kriegerischen Zeitalter als Siegeszeichen nach irgend einer glücklich abgeschlagenen Berennung der Stadt aufzufassen gewesen. Am Wahrscheinlichsten dünke ihm, daſs es ein bloſser und gar nicht unglücklicher Einfall des betreffenden Stempelschneiders war, der der Maid einfach den Kranz als Schmuck in die Hand steckte. Sello a. o. O. 21, 437 meint: Symbol bewahrter Jungfräulichkeit war der Kranz nicht, denn als solcher wurde er nach stereotyper Symbolik des Mittelalters auf dem Haupte getragen. Kranzhaltende, d. h. kranz- spendende Jungfrauen sind aber in der heiteren Kunst des späteren Mittelalters beliebte Dar- stellungen, ein Abglanz der höfischen Minnedichtung, welche das höchste Ziel ritterlichen Strebens in einem Dank von zarter Hand erblickte. Eine tiefere Symbolik lag dem Bildner des Magde- burger Sekretsiegels fern; ihm schwebten die anmutigen Gestalten der bei Turnieren und Liederstreiten Kränze als Siegeslohn spendenden Magdeburgischen Jungfrauen vor, und so er- setzte er die steife Rebus-Figur des groſsen Siegels durch die Magd in ihrer dem mittelalterlichen Empfinden reizendsten Erscheinungsform als Dankspenderin. Hildebrand-Berlit, a. o. O. 61 sagt:Magdeburg mit seinem Wappen, die Jungfrau über den Thorzinnen, die einen Kranz darbietet eigentlich trotzig dem Gewinner?(d. h. sie hat noch ihren Jungfernkranz). Wie merkwürdig berührt sich diese Ansicht mit einer in Zacharias Bandhauers deutschem Tagebuche der Eroberung Magdeburgs 1631(hrsg. v. Phil. Klimesch im Archiv f. Kunde österreich. Geschichtsquellen, 16, 1856, 280) enthaltenen Angabe, die wir, da sie für unsere weitere Untersuchung von Wichtigkeit ist, hier wiedergeben:Sie hatten auf dem Kröckenthor ein holtzerns jungfrawenbilt gar schon geschnitzet mit farben geputzet einer zimlichen gröſse

¹) Die beiden ältesten Siegel der Altstadt M.; ferner ib. 26, 327: Siegel der Stadt M. und ihrer Vorstädte von demselben. 3