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Doch zwei wichtige Einwände sind dieser Auffassung von der Entstehung des Namens in Gestalt zweier Fragen entgegenzuhalten:
1. Die prinzipielle Richtigkeit oder Möglichkeit der Erklärung vorausgesetzt: was sagt die Realprobe(wie es Egli in den Nom. Geogr. treffend nennt) dazu? d. h. widerspricht diese Erklärung nicht den geschichtlichen und lokalen Verhältnissen des Ortes?
2. Warum wurden nicht andere Städte, Burgen, Schlösser auch so genannt, wenn man sie als uneinnehmbar ansah?
Zu 1 ist zu bemerken, daſs wir über die Stärke der ursprünglichen Befestigungsanlage Magdeburgs fast gar nicht unterrichtet sind. Und auf die Beschaffenheit dieser(d. h. der zuerst errichteten Burg) kommt es bei der Frage: inwiefern berechtigte und ermutigte die Eigenart des Baues, der Anlage und der örtlichen Verhältnisse den oder die Namengeber, die zugleich wohl die Erbauer waren, zu der Wahl dieses Namens mit solchem Hintergrund der Bedeutung? allein an. Die ursprüngliche Burg konnte sehr wohl so stark befestigt sein, dals sie nach damaliger Annahme allen Erstürmungsversuchen Trotz zu bieten im Stande war. Ob das in alle Ewigkeit so sein müsse, daran dachte wohl niemand. Wirkt denn aber bei der Namengebung nicht auch der Wunsch mit, daſs es so sein möge, d. h. hier, daſs die Burg nicht erobert werden möge? Denken wir z. B. nur an die Taufe von Schiffen, wobei es ja so oft heiſst: Du sollst so u. so sein, das und das gegen den Feind leisten, und dennoch kann das betreffende Schiff ohne dem Feind zu schaden in der ersten Schlacht vernichtet werden. Oder an die Taufe von Kindern. Wer bürgt dafür, daſs ein Kind, von dem der Vater wünscht, daſs es ein Kühner, Starker, ein Hammer wird und dem er einen entsprechenden Namen giebt, nicht später ein Feigling oder eine Memme, ein Ambos wird? Oder daſs ein Gottlieb Ge- taufter nicht ein Gottesleugner wird? Freilich hat man bei der Benennung von Burgen und Schiffen etwas Fertiges, Reales vor sich, bei der von Menschen aber nicht. Jener Schicksal ist berechenbarer als dieser Zukunft, wenn auch hier der feste Wille des Vaters, das Kind entsprechend dem von ihm gewählten Namen zu erziehen, nicht auſser Acht gelassen werden darf. Man hat eben bei der Namengebung hier wie dort mehr den Gedanken und Wunsch: Das sollst Du sein, was Dein Name besagt als den: Das bist Du jetzt schon wirklich, was Du heiſst. Es kann daher gegen unsere Annahme nicht erheblich ins Gewicht fallen, was wir bei H. u. H., Gesch. d. Stadt Magdeburg S. 6 lesen:„Bei dem Raubzuge der Normannen und Dänen, die 880 in Sachsen einfielen, so wie bei dem ersten Einbruche der von den Daleminciern herbeigerufenen Ungarn in diese Gegenden(906) teilte die kleine Elbstadt das Los so vieler anderen Städte, sie ward geplündert und in Asche gelegt“. Die Hauptsache wäre aber, zu wissen, wie die Burg sich gehalten hat, ob sie auch mit erobert wurde oder wie lange sie Widerstand geleistet hat.— Auch der Einwand, den man uns machen könnte, daſs Karl d. Gr. 806 seinen Sohn Karl gegen die Slaven an der Elbe und Saale sandte und nördlich von Magdeburg, sowie auf dem östlichen Ufer der Saale bei Halle je ein Castell errichten lieſs, ¹)
¹) Einhard, Annales ad ann. 806: Duo castella ab exercitu aedificata, unum super ripam fluminis Salae, alterum juxtafluvium Albim.— Im Chron. Moissiac. heifst es auch Magadaburgcontra. Dies contra könnte auch s. v. w. neben, im Angesichte von bedeutet haben. So führt z. B. eine Vorstadt von Prenzlau den Namen Gegendorf, weil sie ehedem jenseits der alten Stadtmauer lag, also im Angesichte v. Pr. Für den lat. Sprachgebrauch ist das natürlich nicht entscheidend, wohl aber für den allgem. Begriff des Gegenüber, cf. vis-à-vis de.


