Aufsatz 
Zur Erklärung des Namens Magdeburg / von Oberlehrer Dr. Elschner
Entstehung
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17 1857, S. 410: Das FangspielDas Thürmlein(Belagerung und Einnahme der Jungfrau= Burg). Scheffler, Die franz. Volksdichtung: II, 80 ein Kinderlied aus der Champ. u. Fr. Comté, worin sich eine Erinnerung an Karl d. Gr. und einen seiner Paladine, den Dänen Ogier, er- halten hat. Das Spiel versinnbildlicht die Belagerung und Einnahme einer Stadt und zwar in Gestalt einer Brautwerbung. Der Eroberer erhält am Schlufs von der durch einen Ring von Mädchen eingeschlossenen Schönen einen Kuls.

Am deutlichsten erscheint diese Anschauung in der Kriegsdichtung, wonach die Belagerung ebenfalls als Brautwerbung, die Einnahme als Hochzeit aufgefafst und tausendfach variiert wird. Im Deutschen: Zuerst von Hildebrand in seiner Forts. der Soltauschen Sammlung hist. Lieder Bd. II, 93, 374 behandelt. Dort in Liedern auf Dorneck, Tournay, auf die Belagerung von Hohenkrähn, Hertzogenbusch. Nach ihm besprach unsere Trope Reinh. Köhler:) in Gosches Archiv f. Litt. 1, 228:Um Städte werben in d. deut. volkst. Poesie, bes. d. 17. Jahrh. Zuerst fände sie sich bei den span. Arabern in einer altspan. Romanze in Bezug auf Granada und tauche plötzlich 1629 in Deutschland in einem Gedichte auf Magdeburg auf. Im Franz. findet sie sich aber ebenfalls sehr häufig; so 1536 Lied auf die Belag. von Péronne(Bourguignons yroient é pouser la belle Péronnelle; garder de déshonneur, gente pucelle); so auch Lille angesehen, ferner Löwen, Mezieres, Tournay(schon 1463 so behandelt s. Fränkel, Zeitschr. 22, 344; ferner dépucelage de la ville de T. 1513) und Antwerpen. Schon im Mittelalter von Rom gesagt: Romes... ia pucele, virge loiaus et pure...(Stengel, cod. man. Digby 86, 114).) Diese Vorstellung lag und liegt überall in der Luft und wird von Dichtern immer wieder durch Urschauen ge- funden(z. B. Göthe, Faust, 1, 2, 3: Mäd. u. Burg. müssen sich geben; ferner: Maäd. u. Burg. mit hohen Mauern und Zinnen, möcht ich gewinnen). Sie ist auch bei den Türken nachweisbar. S. den Aufsatz von Prof. Brugsch-Pascha im Universum 1889/90, S. 489:Kürzer vokalisiert gebraucht man das Wort Haram für unser deutsches Frauenzimmer, aber auch für einen vor- nehmen Palast, für jeden Ort, der als heilig angesehen wird und nur von den Auserwählten betreten werden darf. Es liegt ein Wortstamm zu Grunde, der ursprünglich alles dasjenige berührt, was nach den Vorschriften des Gesetzes verboten ist, und als örtlichkeit gedacht, was von Unberufenen, besonders Ungläubigen nicht überschritten werden dart. Hier hätten wir mehr den entsprechenden Begriff für unser uraltes Frau= Burg und Garten. V. Hugo sagt im Aymerillot: Narbonne est belle, dit le roi; Et je Taurèi; je n'ai jameis vu, sur ma foi, Ces belles filles(er meint die Städte im Süden) sans leur rire au passage Et me piquer un peu les doigts à leur corsage.

Doch was hat das alles mit unserem Namen M. zu thun? Nur so viel, und das ist gerade genug, daſs es beweist, dals, wenn die Vorstellung und Anschauung Burg= Frau, im besonderen = Jungfrau zu verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Völkern vornehmlich aber bei den Ger- manen so lebendig war, sie recht wohl als Motiv für die Schöpfung, die Prägung des Namens einer Burg wirken konnte.

¹) Seitdem haben sich mit dem Bilde in deutschen Gedichten noch beschäftigt: Wagner,Um Städte werben I. Bd., S. 160 des Archivs f. d. Gesch. deut. Spr. u. Dichtung. L. Fränkel, Zeitschr. f. deutsch. Phil. XXII, 336. F. Branky,Wie Arndt um Städte werben läſst, Zeitschr. f. d. deut. Unterr. 9, 471. Horn, die deutsche Soldatensprache, 1899, S. 132, worin wieder auf Schildknecht, Harmonia in Fortalitiis, Stettin 1652 verwiesen ist.

) S. über die Trope Belagerung= Werbung und ihre weitere Ausspinnung im Franz., sowie über die Zeugnisse betreffs Péronne, Lille, Löwen u. s. w. des Verf. Diss. über d. Stil frz. gesch. Lieder, Halle 1896, 23 2 7