Aufsatz 
Zur Erklärung des Namens Magdeburg / von Oberlehrer Dr. Elschner
Entstehung
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Irminsul. Dort lenkt der Fairguni bei der Asciburg unsere Blicke auf sich, doch da ist der Eingang in den finstern Miriquidu. Es gruselt uns und wir kehren um und wenden uns wieder dem Ausgang des Gartens zu nicht immer voller Befriedigung, doch stets voll neuer Eindrücke, neuer Anregungen des inneren Schausinnes, neuer Gemütserhebung und erhöhter Liebe zu Altgermaniens Herrlichkeit. Was Wunder, wenn uns da diese und jene alten Namenrätsel unablässig verfolgen, uns immer wieder geheimnisvoll anziehen und uns zu neuem Nachdenken anregen.

Unter so manchen anderen war es besonders der stolze Name vonunseres Herrgotts Kanzlei, der ewig jungen Magadaburg, der uns bei wiederholtem Lustwandeln im deutschen Namenparke von neuem anzog. Was wir da über ihn sannen und ergründeten, das sei hier zum Teil wiedergegeben.

Der Name Magdeburg hat schon viele Geschichtschreiber und Sprachforscher, aber ebenso auch das dichterisch sinnende, fabulierende und phantasiereiche Volk zu Erklärungs- und Deutungsversuchen herausgefordert. Er hat dasselbe Schicksal gehabt, wie z. B. der unseres Schmalkaldens. Gerade die scheinbare Durchsichtigkeit seiner Bestandteile ist der Vieldeutig- keit ausgesetzt und hat daher zu mancherlei irrigen Annahmen Anlaſs gegeben. Bei Magde- burg drängte sich neben der Eigenart des Namens noch die des Wappens der Stadt dem Deutenden auf. Während aber das Volk sich wenig um geschichtliche Thatsachen kümmerte oder nach beglaubigten Anhaltspunkten fragte, vielmehr der Phantasie freien Spielraum lieſs und so zur Sage griff, entbehrten auch die Geschichtschreiber des 17. und 18. Jahrhunderts bei dem damaligen Tiefstande der Namenforschung der nötigen wissenschaftlichen Grundlagen. So blieb auch ihnen nichts weiter übrig als sich auf jene Fabeln zu berufen oder zu allerhand gewagten Hypothesen und etymologischen Spielereien¹) aus dem Gebiete der klassischen und biblischen Namengebung ihre Zuflucht zu nehmen. Erst in neuerer Zeit wurden wissenschaftlich begründete Versuche zur Deutung des Namens gemacht, nachdem durch Förstemanns grund- legendes Werk über die deutschen Personen- und Ortsnamen der Weg zu weiteren Forschungen gebahnt war.

Zunächst einiges zur Fabel.

Gestützt auf alte UÜberlieferung berichten die Gesta arch. Magd., die Magdeburger Annalen und die Schöffenchronik, dals Cäsar die Stadt gegründet und der jungfräulichen Diana zu Ehren Parthenopolis genannt habe. Es sei dieser Göttin am Elbufer ein Tempel erbaut, ihr Bild darin aufgestellt und ihr ein Opferdienst eingerichtet worden, dem viele Jungfrauen als Priesterinnen vorstanden, und davon habe die Stadt den Namen Magdeburg oder Jungfrauen- stadt, civitas virginum, erhalten.

Abgesehen davon, daſs Cäsar nie so weit in Deutschland vorgedrungen ist, trägt diese Erzählung schon deshalb den Stempel der Erfindung an der Stirn, da sie ja zwei verschiedene Namenserklärungen in einem Atem bringt, nämlich einmal M.= die Stadt der Jungfrau(nämlich Diana), das andere Mal= die Stadt der Jungfrauen(Dianapriesterinnen). Der Haupteinwand, den wir von unserem Standpunkte machen müſsten: Warum hat die Stadt, wenn Cäsar oder ein anderer Römer sie gegründet und benannt hat, nicht den lat. oder griech. Namen behalten?

¹) Das war von jeher so, auch bei den Alten. S. Pott,Etymologische Legenden bei den Alten, im Philo- logus, 1863.