Aufsatz 
Die Homerlektüre im fünften Jahreskurse der Realanstalten / von W. Stengel
Entstehung
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um: das Netz hat sich über den Freiern zusammengezogen, ein Entrinnen ist nicht mehr möglich; doch ahnungslos tafeln sie weiter, verfolgen sogar mit Humor und billigem Witz das Treiben des Fremdlings an der Schwelle des Eingangs. Der Kontrast zwischen ihrer Ahnungslosigkeit und der schrecklichen Nähe ihres Todes wirkt unheimlich, grausig. Die Empfindung des Tragischen muſs auch in den Schülern erweckt werden.

Hier könnte die Lektion abgebrochen werden; geschieht es, so wäre ein geeigneter Gegen- stand zur Bearbeitung für die nächste Stunde: Mit welchen Empfindungen verfolgt Odysseus den Wettkampf? Wir würden das Gesagte zu dem Zwecke noch einmal zusammenfassen und sorg- fältig disponieren.

V. 404 Schluſs.) Odysseus hat den Bogen in Händen, die altvertraute Waffe; er ist ihrer sicher, sie ist in der langen Zeit nicht beschädigt oder verdorben. Warum zielt er nicht sofort und schiefst auf Antinoos? Er prüft, ob er auch seiner selbst noch so sicher ist, wie vordem. Auch in den aufregendsten Augenblicken, in Freude wie im Leid, bleibt Odysseus völlig Herr seiner selbst. Zählt solche Fälle auf!

XXII, V. 1 33. Der Lehrer liest selbst und hilft mit knappen Worten nach, wo es das Verständnis erfordert. Lange Erklärungen oder auch nur Fragen würden vom Übel sein.

V. 34 88. Der Hauptfrevler liegt, warum verschont Odysseus nicht die übrigen und nimmt die reichliche Buſse an, die Eurymachos bietet?(Die Antwort kann der Lehrer in einem Gleichnis zusammenfassen.) Wie es unmöglich ist, den Gieſsbach aufzuhalten, der, vom Gewitter angeschwollen, verbeerend ins Thal einbricht; wie man dem Sturme nicht wehren kann, der Bäume und Häuser zu Boden wirft, so mit Elementargewalt tobt der Zorn, der lange mühsam verhalten ist; ihn kann keine Bitte, keine Rücksicht mehr dämmen, bis er Genugthuung gefunden, sich im Tod der Frevler gesättigt hat.

Überblicken wir nochmals den Hergang! Odysseus nimmt den Kampf mit den Freiern auf, und, wir wissen, er wird siegen. Warum zweifeln wir nie am Erfolg, wo er doch mehr denn hundert Gegner hat? Der Schutz und Beistand der Götter ist ihm sicher; sein Sohn und die Hirten helfen ihm. Zweitens ist er in Kämpfen bewährt und an Klugheit und Tapferkeit seinen Gegnern weit überlegen. Von welchem Augenblick an halten wir den Sieg für gewils? Als Zeus mit dem Donner ihm ein gutes Vorzeichen giebt. Dies ist der Höhepunkt der Handlung; aber schon vorher wird es uns immer wahrscheinlicher. Welches sind die verschiedenen Thatsachen, die uns mehr und mehr für Odysseus hoffen lassen? Die einzelnen Momente ergeben den Aufbau der Handlung in Form einer Steigerung. Wir ersparen uns hier die Aufzählung und gegenseitige Abwägung.

Der Abschnitt ist noch in den Zusammenhang des Ganzen einzureihen und seine Bedeutung für die Gesamthandlung bloſszulegen. Wir sind an einem wichtigen Abschnitte des Gedichtes angekommen: Odysseus ist nicht der alte mehr, der er gewesen ist seit fast 10 Jahren. Welche Eigenschaft ist ihm von nun an nicht mehr beizulegen, die die einleitenden Worte des Gedichtes besonders hervorhoben? Er ist nicht mehr der Dulder. Jetzt ist also das Dulden zu Ende; der Höhepunkt des Gedichtes ist damit erreicht. Enthält das, was vorhergeht, eine Schilderung der verschiedenen Leiden in der Reihenfolge, wie sie Odysseus erlebt hat? Nein, die meisten erzählt er selbst bei den Phäaken im 10. Jahre der Irrfahrten. Wir lassen die

¹) Beginnt mit diesem Abschnitt eine neue Lehrstunde, so machen wir natürlich mit der Durchnahme der kleinen Ausarbeitung den Anfang. Sie versetzt die Schüler unwillkürlich wieder in die richtige Stimmung.