ermorden wollen u. s. w. Er hat schon Schlimmeres gethan, als wenn er mit dem Bogen des Odysseus nach eigenem Gutdünken schaltet.
V. 188— 244. Warum verlassen die Hirten den Saal?— Sie können ihre Erregung nicht länger meistern und müssen sich drauſsen, unbemerkt von den Freiern, ausweinen: ihre geliebte Herrin wird sie verlassen, mit der Waffe ihres alten Herrn spielen unwürdige Knaben! Das ist zu viel für ihr treues Gemüt.)— Warum giebt sich Odysseus nicht sofort zu erkennen?— Aller Erfolg hängt von seiner Vorsicht ab; er kann nicht vorsichtig genug auftreten.— Wie benehmen sich die Hirten, nachdem er sich zu erkennen gegeben hat?— Die treuen Seelen sind aufser sich vor Freude; sie weinen, fallen ihm um den Hals und küssen ihm Antlitz und Schultern! Aller Schmerz ist vergessen!— Wird Odysseus auch weich, wie solch ein herzerquickender Anblick leicht Rührung hervorruft?— Er widersteht der Freude so gut, wie dem Zorn; beides findet ihn hart wie Eisen, bis sein Werk gethan ist.
V. 245— 272. Wieder trifft Antinoos eigenmächtig alle Anordnungen, die sich auf den Wettkampf beziehen.
V. 273— 379. Odysseus tritt in den Vordergrund; der wahre Herr fordert sein Recht vom falschen Herrn. Als stiller Teilnehmer hat er bisher beiseite gestanden und beobachtet. Was hat er mit angesehen?— Penelope, die treue Gattin, giebt ihren Widerstand auf: mit Hintansetzung ihrer eigenen Gefühle bringt sie sich aus Liebe zum Opfer dar. Die Hirten werden wegen ihrer Anhänglichkeit wie Hunde gescholten. An Stelle des Sohnes übt ein frecher Eindringling Herren- rechte aus. Sein Bogen ist in den Händen unwürdiger Knaben ein Gespött geworden.— Welche Empfindungen müssen da sein Herz erfüllen?— Schmähungen und Kränkungen aller Art, selbst von den verachtetsten seiner Diener, hat er ruhig hingenommen, er hat mit keiner Wimper gezuckt, keine Miene verriet sein wahres Wesen. Aber ist die Gelegenheit da, dann wird die Rache auch furcht- bar sein und unaufhaltsam ihren Lauf nehmen. Der Auftritt, der auf seine Bitte folgt, ist nur zu sehr dazu angethan, seine Empfindungen auf die Spitze zu treiben.— Zeigt seine Bitte die innere Erregung?— Er beherrscht sich auch jetzt vollständig: demütig und bescheiden bringt er sein Anliegen vor; er erniedrigt sich sogar, den Freiern zu schmeicheln.— Welchen Eindruck macht seine so bescheiden vorgetragene Bitte?— Sie sind rasend vor Wut über die Frechheit des ver- meintlichen Bettlers; Antinoos droht zum zweiten Mal, ihn aufser Landes zu schaffen.— Was bringt ihn so auf?— Die Angst, der Fremde könnte sie beschämen und vielleicht gar auf die Hand der Königin Anspruch erheben.— Und wie stellt sich Penelope zur Bitte und zu den Empfindungen der Freier?— Sie ist auch hier voll königlicher Würde. Sie spottet der Angst des Antinoos; Eurymachos, bei dem das Ehrgefühl etwas spät erwacht, hält sie vor, daſs Leute wie sie längst ihre Ehre verspielt haben. Dem Fremden soll seine Bitte gewährt sein; auf ihre Hand würde er natürlich kein Recht erwerben.)— Warum geben die Freier nach? etwa weil die Drohung des Telemachos sie einschüchtert?— Nein, sie lachen darüber und geben nur nach, weil sie ihn gänz- lich verachten. ¹)
2 V. 380— 403. Eine Pause! Die Zuhörer können sich sammeln und ihrer Erregung Herr
werden. Wir benutzen sie, wie sie, zu einer Umschau. Wir blicken uns im Saale und aufserhalb
¹) Niese, Die Entwicklg. der hom. Poesie, schreibt zwar p. 154:„Die Scene, wo sich Odysseus seinen beiden
Dienern zu erkennen gibt, ist bei den Haaren herbeigezogen“; trotzdem glaube ich, daſs die angegebene Begründung auch vor der philologischen Kritik bestehen kann.
2) Der feine Humor muis unberücksichtigt bleiben; wir haben auf wenige starke Eindrücke zu sehen, um eine
tief gehende Gesamtwirkung zu erzielen. Vielerlei würde verwirren ³) Die Ahnlichkeit mit dem Auftreten des Telemachos in Buch I mufs zunächst unerwähnt bleiben.


