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Motiv ab,— der Rächer hat sein Werk begonnen! Wie über lachender Landschaft, bei festlichem Gelage der Bewohner, unbemerkt und ungeahnt, ein furchtbares Unwetter heraufzieht, Untergang drohend dem Besitz und den Herrn; wie ratlos, von Grauen gepackt, der Haufe auseinanderstiebt, zu spät um zu retten und zu entkommen,— so jäh und unvermittelt ereilt die Freier die unerbitt- liche Rache.
Die Besprechung setzt volle Kenntnis der Situation und angeregtes Interesse für die Dichtung voraus. Das Verhalten der Freier, sowie des Odysseus bewunderungswürdige Selbst- beherrschung, haben die rechte Beleuchtung erhalten. An Stelle einer einfachen Zusammenfassung unter diesen beiden Gesichtspunkten möchte sich zur Erweckung der Stimmung ein Ver- gleich mit der Aufnahme empfehlen, die Odysseus 8 Tage zuvor bei den Phäaken gefunden hat. Der Gegensatz, der vielleicht nicht unbeabsichtigt ist, wirft ein grelles Licht auf das Benehmen der Freier: Der König ist heimgekehrt; vor wenigen Tagen landete er im Phäakenlande, auch dort trat er fremd und unscheinbar auf, in geborgte Gewänder gehüllt, und doch, mit welcher Rücksicht wurde er behandelt, und mit welcher Bereitwilligkeit wurden seine Wünsche gewährt! hier in seiner Heimat, in seinem eigenen Hause erfährt er von fremden Eindringlingen nichts als Schmä- hungen und thätliche Beleidigungen.— Auf solche Weise läſst sich recht leicht die notwendige Ver- tiefung der Auffassung erreichen. ¹)
Die Stimmung ist geweckt, die Gefühle sind in die rechten Bahnen gelenkt. In knappen Sätzen lassen wir die Aufgabe erzählen; die Aufforderung der Penelope, die Versuche der Freier, die Erkennungsscene vor den Hirten, die Bitte um den Bogen, die Vorbereitungen, der Meisterschuſs, die neue Erkennungsscene, der Tod des Eurymachus— gleiten in raschen Zügen am Geiste vorüber. Der Eindruck der Erzählung wird zusammengefaſst: der Gipfelpunkt der Handlung ist erreicht, die Katastrophe ist da!
Die Vorbesprechung greift Einzelheiten heraus, die zum Verständnis nötig sind, deren spätere Erklärung aber den Zusammenhang unliebsam unterbrechen würde. Wir weisen auf das Gebäude hin, in dem das Ereignis sich abspielt, die weite Halle ohne Fenster mit nur zwei Ein- gängen,²) deren Wände, sonst mit Waffen geschmückt, heute kahl sind; das Haus wird von der Stralse durch eine hohe Mauer getrennt, ein einziger Thorweg bildet den Zugang: eine kleine Festung für sich, so steht das Königshaus in der Stadt der Ithakesier. Auch darauf ist aufmerksam zu machen, daſs der Boden der Halle festgestampfter Lehm ist, in den sich unschwer die Stiele von Axten eintreiben lassen. Ob wir in der Form dieser Werkzeuge uns der Ansicht Göbels oder der Murrays anschlieſsen, ²) bleibt sich gleich; jedenfalls muſs die Phantasie der Knaben sich an eine Gestalt anlehnen können, die dem Hergang entspricht; es muſs eine gestielte Axt mit einer ffnung am oberen Stielende sein, groſs genug, daſs ein Pfeil durch sie hindurchfliegen kann. Auch der Bogen muſs ihnen von vornherein anschaulich sein und die Art, wie man ihn spannte. Dagegen ist es nicht nötig, den Thürverschlufs zur Anschauung zu bringen; auch die Einzelheiten der episodisch eingeflochtenen Geschichte des Bogens übergehen wir, obgleich sie kulturhistorisch bedeutungsvoll sind. Man darf die Schüler nicht überlasten.
Die Besprechung schlieſst sich an das Vorlesen an, das meist die Schüler übernehmen; nur an besonders wichtiger Stelle greift der Lehrer ein; es hat dies den Vorteil, daſs man ohne viel
¹) Der Vergleich ist auch ein lohnender Gegenstand für einen Aufsatz.
2²) Die„Treppenthire“, die nur erwähnt wird, wenn der Auszug sie enthält, oder das vollständige Epos gelesen wird, gewährt keine Möglichkeit zum Entrinnen.
³) Vergl. Helbig, Das homerische Epos aus den Denkmälern erläutert, p. 348 ffg.


