Aufsatz 
Die Homerlektüre im fünften Jahreskurse der Realanstalten / von W. Stengel
Entstehung
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Aphrodite z. B. einen geeigneten Platz nicht bietet. Aber der Zeus von Otrikoli paſst viel natürlicher in die Besprechung der ersten Götterversammlung der Odyssee, als an die Bitte der Thetis, wo er infolge der bekannten Künstleranekdote seine Stelle hat. In dem demnächst erscheinenden Aprilhefte derLehrproben und Lehrgänge haben wir gezeigt, wie die Betrachtung der Zeusmaske aus der Behandlung der Homerstelle gleichsam von selbst erwächst. Ebenso natürlich schliefst sich an die Anrede des Odysseus an Nausikaa eine Darbietung der Artemis an, indem man etwa die von Versailles und die von Gabii nebeneinander vorlegt und die Schüler ent- scheiden läſst, welcher von beiden wohl Nausikaa geglichen haben könnte; so erlangen wir ganz ungesucht die wünschenswerte Vertiefung ins Kunstwerk. Khnlich können wir mit Athene verfahren. Auch profane Bildwerke werden wir mitteilen, vielleicht einen Odysseuskopf, wenn wir eine gute Wiedergabe haben, einen oder mehrere Diskobolen, in der Ilias den sog. Pasquino, Menelaos mit der Leiche des Patroklos, u. s. w. Nur dürfen wir bei einem einmaligen Vorzeigen nicht stehen bleiben; die Bilder müssen nach der Besprechung in der Klasse aufgehängt und nach Schluſs der Lektüre zusammengestellt und unter sich verglichen werden; dann ergeben sich die allgemeinen Kennzeichen des Gottes, der betr. Typus, von selbst. Eine Einreihung in die Kunstgeschichte muſs der oberen Stufe überlassen bleiben.

Es bliebe noch übrig, zu zeigen, wie sich die hier entwickelten Grundsätze in der An- wendung gestalten. Dies geschieht am besten in einer Lehrprobe. Wir haben nun eine solche bereits veröffentlicht; doch ist die dort behandelte erste Götterversammlung für den Gang der Be- sprechung nicht typisch genug, um das voll veranschaulichen zu können, was wir hier theoretisch entwickelt haben. Wir haben deshalb eine Lehrprobe über den Bogenwettkampf angehängt, über Od. XXI und XXII,1 88; wir schlieſsen mit dem Tode des Eurymachos, da eine wesentliche Steigerung von diesem Ereignis an ausgeschlossen erscheint. Die gewählten Verse bilden in den Ausgaben bei Velhagen und Klasing den zehnten Abschnitt; die anderen Ausgaben behalten meist die alte Einteilung der Gesänge bei. Wir benutzen die Ubersetzung von Voſs. Man erwarte keine Momentaufnahme einer wirklichen Lehrstunde; das Folgende ist etwa dem Entwurfe zu vergleichen, wie ihn sich der Lehrer gelegentlich vor der Stunde macht. Die Schüler sind vorbereitet, sie verstehen den Abschnitt vorzulesen und zu erzählen.

III. Lehrprobe über den Bogenwettkampf.

Das Thema ist in voller Entwicklung, zwei entgegengesetzte Motive ringen um die Herr- schaft: in sorgloser Sicherheit wiegen sich die anmaſsenden Freier, dräuend erhebt sich der endlich zurückgekehrte, Rache heischende Herr. Die Freier haben den Gedanken, wie unberechtigt ihre Ansprüche sind, sich längst aus dem Sinn geschlagen; die Dienerschaft folgt sklavisch ihren Befehlen, wer noch nicht auf ihrer Seite steht, duckt sich ängstlich vor ihren herrischen Blicken; Telemachos ist in ihrer Gewalt, er muſs nachgeben, oder er wird hinweggeräumt; und Penelope muſs sich drein finden, es kann ja nur kurze Zeit noch dauern, und einer von ihnen wird als der Beglückte sie heimführen. In diese Sorglosigkeit und anscheinende Sicherheit hinein klingen immer wuchtiger die Akkorde der sich vorbereitenden Rache. Die Motive halten sich die Wage: noch verbirgt sich der rechtmäſsige Herr unter der Maske des Bettlers und duldet alle Schmähungen und Kränkungen. Aber die Entscheidung steht nahe bevor. Noch einmal werden die verschiedenen Einzelmotive kräftig angeschlagen: das frevelnde Schalten mit fremdem Gut, das herrische Gebieten über fremde Diener, die Verhöhnung des jungen Erben. Grauenvoll, in schriller Dissonanz bricht das leichte, heitere