Aufsatz 
Die Homerlektüre im fünften Jahreskurse der Realanstalten / von W. Stengel
Entstehung
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22 Phantasie. Und welche reiche Gelegenheit bietet z. B. die Odyssee, sie hier sich bethätigen zu lassen! Nehmen wir nur das Abenteuer beim Cyklopen! Hier sind 10 Themata, die alle gleichmäfsig für diese Stufe passen und wohl auch einer einfachen Erzählung vorzuziehen sind: Einer der geretteten Gefäahrten erzählt auf der Ziegeninsel den zurückgebliebenen Genossen das Abenteuer. Der Wechsel der Empfindungen in der Brust der Odysseus begleitenden Gefährten. Welchen Eigen- schaften verdankt Odysseus seine Rettung? Warum macht die Anrede des Odysseus auf den Cyklopen keinen Eindruck? Welche Eigenschaften nehmen uns gegen den Cyklopen ein? Warum verdient der Cyklop seine Strafe? List und Stärke. Der Cyklop, das Urbild eines Riesen. Bild: Odysseus bittet den Cyklopen um Gastfreundschaft. Mit welchen Empfindungen begleiten die Phäaken die Erzählung? Der Gast bei Phäaken und Cyklopen. Die psychologische Vertiefung, auf die die Behandlung eines Dichtwerkes hinarbeitet, muſs auch in den Aufsätzen zu Tage treten, um so mehr, als damit meist ein ethischer Gewinn verbunden ist. Welch schönes Thema bietet z. B. die Entwicklung des Telemachos! Auf die Harmlosigkeit der Kindheit folgt das Bewulstsein der traurigen Zustände, in die der Königssohn gestellt ist; es ergreift ihn Verzweiflung; der Besuch der Athene richtet ihn auf: im Gottvertrauen hat er den verlorenen Frieden wieder- gewonnen! Solcher Themata lassen sich Dutzende finden. Man halte sie nicht für zu schwer; Verfasser, der nunmehr 6 Jahre den deutschen Unterricht in der Obertertia des Realprogymnasiums erteilt, hat die Entwicklung des Telemachos schon zweimal in ähnlicher Weise behandeln lassen; beide Male ist es mit Lust und Erfolg geschehen. An kein Thema geht diese Stufe überhaupt mit mehr Eifer, als wenn entweder die eigene Beobachtung oder die kombinierende Phantasie Verwen- dung findet. Im deutschen Aufsatz kann und muſs die obere Stufe auf die griechischen Epen zurück- greifen; es geschieht wohl am besten in Form eines Vergleichs.

Dienen wir hiermit ebensowohl den Zwecken des deutschen Unterrichts, wie dem Verständnis der Gedichte an sich, so greift ein anderes Mittel über beides hinaus und erlangt eine selbständige Bedeutung; es ist dies die Verwendung von Werken der bildenden Künste. Sie hat zunächst wohl den Zweck, einen Gegenstand oder einen Vorgang oder einen Charakter zu veranschaulichen und seine Auffassung zu vertiefen; sie will aber in letzter Linie den Kunstsinn auch auf diesem Gebiet pflegen. Es ist wohl nicht mehr nötig, nach- zuweisen, dals die höheren Schulen auch die Pflicht haben, Freude und Lust an Werken der Malerei, Bildhauerkunst und Architektur, sogut wie der Poesie, zu wecken. Je enger dieser Zweck mit der Homerlektüre in Verbindung gebracht wird, um so besser ist es für die Text- stelle sowohl, wie für das vorgelegte Kunstwerk. Wie wir an den Wänden oder im Glasschrank Abbildungen zur Schau stellen, die das homerische Schiff, das Haus des Odysseus, Gerätschaften und Waffen der Zeit zeigen, so können in ähnlichem Sinne auch Kunstwerke von Carstens, Flaxman, Thorwaldsen, Preller u. s. w. gebraucht werden. Wir werden ihnen aber über den nächstliegenden Zweck der Erläuterung hinaus Beachtung schenken, die eigenartige Auffassung hervorheben und auf den groſsen Einfluſs hinweisen, den die homerischen Gedichte auch auf die bildende Kunst der Neuzeit gehabt haben und noch heute ausüben. In einer anderen Beziehung werden wir systematischer vorgehen. Mit Recht sagt Holzmüller:Auf allgemeine Bildung kann man nicht Anspruch erheben, wenn man nicht einmal versteht, was die Bildwerke unserer Museen zu bedeuten haben.¹) Es wäre ein Unrecht, wenn wir die herrliche Gelegenheit, die antike Kunst in ihren erhabensten Schöpfungen zur Anschauung zu bringen, unbenutzt vorüber gehen lieſsen. An die Ilias ist es freilich leichter, eine gröſsere Anzahl ungezwungen anzuschlielsen, als an die Odyssee, die uns für Apollo und

¹) Holzmüller, Ztschrft. f. latl. h. Sch. VII. 89 fg. Vergl. A. Gille, ebenda VI. 137.