Aufsatz 
Die Homerlektüre im fünften Jahreskurse der Realanstalten / von W. Stengel
Entstehung
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Gut vorlesen ist eine wesentliche Förderung für ein volles Verständnis poetischer Werke; lebendiger wirkt die Dichtung, wenn man sie hört, als wenn man sie still für sich liest. Ist es anfangs der Lehrer, der das Mittel anwendet, so werden allmählich die Schüler selbst genug Gewandtheit bekommen;dann klingt alles, was der Knabe laut liest, so, als wenn es erst im Augenblicke von ihm gedacht wäre. ¹)

Das Erzählen zeigt, wieweit der Verlauf der Handlung verstanden ist; es ist für uns aber auch das Mittel, die Stücke in den Kreis der Lektüre zu ziehen, die wir nicht eingehend behandeln wollen, z. B. in der Odyssee die Reisen des Telemachos, die meisten Abenteuer des Odysseus, die Wiederholungen desselben Motivs in der zweiten Hälfte des Gedichts, Teile, welche eine Auswahl gewöhnlich bei Seite läſst. Wir legen auch aus einer einfachen pädagogischen Er- wägung Wert darauf, daſs sie nicht übersprungen werden: Homer soll dem Schüler ein Begleiter durchs Leben werden; dazu ist nötig, daſs er ihn aus eigener Kraft allmählich verstehen und schätzen lernt, und dies geschieht am leichtesten, wenn wir ihm solche einfache Stellen selbständig überlassen. Man verteilt vielleicht gröſsere Abschnitte in der Weise auf die Klasse, daſs man von einer gewissen Anzahl nur einen angemessenen Teil der Gesamtaufgabe verlangt. So wird der Schüler schneller mit dem Dichter vertraut.

Der Vortrag ist dieBlüte des Verständnisses. Dies wirksamste Mittel, den Geist des Dichters zu erfassen, können wir nur selten anwenden; Homerstellen sind schwer zu lernen. Um so sorgfältiger müssen wir in der Auswahl sein und nur solche Stücke dazu bestimmen, die die Eigenart und Kunst der Dichtung auf knappem Raum in vollendeter Weise zeigen, also zusammen- hängende, in sich möglichst abgeschlossene Stücke von mäſsiger Länge. Gleichnisse oder einzelne Verse würden sich dazu nicht eignen; am allerwenigsten dürfen wir nach kulturhistorischen Gesichts- punkten wählen.

Daſs schriftliche Ausarbeitungen auch bei der Homerlektüre nicht fehlen dürfen, liegt in der Natur der Sache. Nur das hat für den Schüler, wie für den Menschen überhaupt, rechten Wert, was er auch zugleich in irgend einer Weise verwenden kann.*) Haben wir in der Besprechung an Verstand, Phantasie und Gemüt Anforderungen gestellt, so lassen wir diese auch im Aufsatz sich bethätigen. Kleinere Aufgaben zur Kontrolle oder Befestigung werden wir in derselben Stunde oder zur nächsten anfertigen lassen; dazu geeignete Gegenstände aus der Odyssee sind etwa:

Worin zeigt Telemachos seinen feinen Sinn für Anstand? Was verdankt Odysseus den Phäaken? Warum weint Odysseus beim Gesange des Demodokos? Welche Eindrücke empfängt Odysseus beim Betreten seines Hauses? Aus den Programmen habe ich etwa

150 Aufsatzthemata zusammengestellt, die in Obertertia(resp. Sekunda der Realsch.) im An- schluſs an die Homerlektüre gegeben sind. Mehr als die Hälfte sind erzählende Wiedergaben eines kurzen Zusammenhangs, in denen es in erster Linie auf Unterscheidung von Wichtigem und Un- wichtigem, also auf Verstandesthätigkeit ankommt, die Seiten des Geistes, die die Behandlung besonders ausbilden soll, werden nur wenig herangezogen. Es ist das ein Miſsverhältnis, das weder durch den Stoff, noch durch die Rücksichten auf die Altersstufe oder auf die stilistische Abfassung geboten ist. Im Gegenteil verlangt eins wie das andere die Verwendung aller Geisteskräfte, zumal der

¹) Wendt, Der deutsche Unterricht p. 58.

)Der Versuch der Nachbildung giebt einerseits der Lektüre spannendes Interesse: das Wissen wird am leichtesten erworben, das gleich für ein Machen und Können fruchtbar gemacht werden kann. Andererseits ist die Imitation die wirksamste Unterstützung des Verständnisses: niemand versteht ganz, was er nicht in gewissem Sinne auch machen kann. Kennen und können ist urspringlich eins. Paulsen, Das Realgymn. u. d. hum. Bildg. p. 32 fg.