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Eine andere Einschränkung unserer Aufgabe haben wir stillschweigend vorweggenommen. Bisher sind für uns die homerischen Gedichte eben nur als solche, als freie Schöpfungen der Sänger in Betracht gekommen; aber sie sind auch eine wertvolle historische Quelle. Aut sie sind wir fast allein angewiesen, wenn wir über die Zustände dieser ältesten Zeit Aufschlufs erhalten wollen. Wie weit soll diese ihre Eigenschaft auf die Behandlung der Gedichte auf Realanstalten Einflufs gewinnen? Die Beantwortung hängt von einigen Vorfragen ab. Wofür sind die Gedichte als zuverlässige historische Quelle anzusehen? Die neueren Forschungen haben ihren Wert wesentlich eingeschränkt. Der trojanische Krieg ist Sage; was an Thatsachen zu Grunde liegt, ist auſser dem Bereich sicheren Wissens. Ebenso sind die sämtlichen Personen für uns nur Schöpfungen des Volksgesanges; aber auch die Achäer, die Argiver, die Danaer haben die angegebene Bedeutung und ihre Wohnsitze erst in der Sage gefunden. ¹) Die homerischen Sänger kannten Griechenland nur in einem Zustande, der von den geschichtlich bekannten Verhältnissen nicht wesentlich abwich. Alle Angaben der Alten über ein vordorisches Griechenland beruhen auf falschen Kombinationen, indem sie Odyssee und Ilias als historische Dokumente ansahen und die Angaben der Gedichte mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen suchten.„Wie die Gegenwart aus der Heroenzeit sich ent- wickelt hatte, danach fragten die Dichter und ihre Zeitgenossen noch nicht.— Es kam aber die Zeit, wo diese Frage gestellt wurde. Man wollte jetzt wissen, warum denn Griechenland in historischer Zeit so anders aussah, als nach den Schilderungen Homers: warum Homer z. B. noch kein Thessalien kennt, warum er in Argolis Achäer wohnen läſst statt Dorier, warum bei ihm auf den Thronen von Argos und Sparta Nachkommen des Pelops sitzen und nicht des Herakles. Es ist das erste Erwachen des historischen Sinnes, das in solchen Fragen sich ausspricht.— Mit der Frage aber war auch schon die Antwort gegeben. Es war klar, die griechischen Stämme muſsten nach dem troischen Kriege von einer wahren Völkerwanderung erschüttert worden sein. Bei dieser bloſsen Thatsache aber konnte man sich nicht beruhigen. Man wollte auch den Anlaſs der Wanderung und die näheren Umstände wissen, unter denen sie sich vollzogen hatten. Und einem Volke von so lebhafter Kombinationsgabe fiel die Antwort nicht schwer.“ ²) Alle Bemühungen, die darauf abaielen, durch Zusammenstellung der Angaben des Epos ein„vordorisches“ Staatenbild zu konstruieren, gehen von einer sehr unsicheren Basis aus, auf der die Wissenschatt wohl nach sorgfältiger Sichtung aufbauen kann; die Schule muſs sich davon fernhalten. Aber auch auf dem Gebiete der ideellen und materiellen Kultur ist es weit davon entfernt, daſs etwa die Sitten und Gebräuche, die Anschauungen und Einrichtungen, die uns in den Gedichten entgegentreten, das getreue Abbild einer bestimmten Wirklichkeit wären. Zunächst müssen wir mit dem sog. konventio nellen Element der homerischen Epen rechnen.„Die Dichter, welche den Grundstock der Epen schufen, schilderten nur die Kulturzustände ihrer eigenen Zeit. Die Fortsetzer hielten bei den Gesängen, die sie über- nahmen und weitergaben, an diesen Schilderungen im ganzen fest, wenn sie auch mit den inzwischen veränderten Lebensumständen nicht mehr im Einklange standen. Bei ihren eigenen dichterischen Zuthaten versetzten sie dagegen unwillkürlich die durch die ununterbrochene UÜbung des epischen Gesanges überlieferten und feststehenden Vorstellungen von dem Leben der Helden mit Zügen aus der sie umgebenden Welt.“³) Und diese umgebende Welt wechselte im Laufe der Zeiten; so finden wir, daſs, abgesehen von den„konventionell-stilisierten“, überlieferten Lebensformen, alle
¹) Beloch, Griech. Gesch. I. p. 157. Niese, Die Entwicklung der homerischen Poesie, p. 249 flg. Cauer, Grundfragen der Homerkritik, p. 133 ffg.
²) Beloch, Griech. Gesch. I. p. 147 ffg.
³) Busolt, Griech. Gesch. II. p. 136.


