ist es II,I. Der Lehrplan für die hessischen Realgymnasien vom Jahre 1893 bestimmt als Lektüre für II,I ffg.:„Von dieser Klasse an werden auch grölſsere Stücke aus guten Ueber- setzungen der epischen und tragischen griechischen Klassiker gelesen.“ Der Lehrplan für die hessischen Realschulen scheint Homer weder direkt noch indirekt zu erwähnen, an den Anstalten findet er sich jedoch, z. B. in Alsfeld in III,!. Über die Stellung der Homerlektüre an den bairischen, Realanstalten habe ich am wenigsten ein Urteil gewinnen können, da mir keine Programme zur Verfügung stehen. Nach den Anfragen, die ich habe ergehen lassen, scheint es, als ob sie nur selten in den Lehrplan aufgenommen sei. Die Schulordnung vom 3. Sept. 1891 schreibt für die VI. Klasse der Realgymnasien als Themata„Inhaltsangaben gröſserer Lesestoffe“ vor und erwähnt bei der Gelegenheit neben Hermann und Dorothea auch Homer. Im Lehrplan für die badischen Real- anstalten ist Homer als Lektüre für die oberen Klassen angesetzt; nach Ausweis der Programme scheint sie meist in III,1 mit dem einen Epos begonnen und in II,2 mit dem zweiten fortgeführt also auf zwei Jahrgänge ausgedehnt zu werden. Gewils, ein idealer Zustand vom Standpunkt eines Freundes des Altertums! Im Königreich Sachsen, mit dem wir unsere Uebersicht beschlieſsen wollen, ist die Homerlektüre seit 1884 für beide Arten von Realanstalten vorgeschrieben und dem 6. Jahreskurse zugewiesen. Dieselbe Bestimmung findet sich in dem Regulativ für Reufs j. L.
Zweierlei erscheint in dieser Übersicht als beachtenswert, erstens, daſs die Homerlektüre vielfach auch da eingeführt ist, wo die Lehrpläne sie nicht vorschreiben; zweitens, daſs die Wahl der Klassenstufe im allgemeinen mit der in Preufsen vorgeschriebenen übereinstimmt, hier und da der nächsthöhere Jahrgang vorgezogen ist..
Wenn wir also den Standpunkt des Obertertianers, die Entwicklungsstufe des 5. Jahres- kursus im weiteren zu Grunde legen, so weichen doch die Verhältnisse im übrigen Deutschland nicht so wesentlich davon ab, dals nicht vielleicht manches auch für sie zutreffen könnte. Auch in Bezug auf das Auffassungsvermögen des Obertertianers müssen wir Rudolf Lehmann zustimmen, der es dahin kennzeichnet,¹) dafs der Geist in dieser Altersstufe in seiner Stellung zu Kunstwerken noch durchaus am unmittelbar Gegebenen hafte, sich gegenüber einer rein historischen sowohl, wie rein ästhetischen Behandlung ablehnend verhalte. In dieser Nötigung liegt aber auch nichts, was uns etwa bedauerlich erscheinen und bestimmen könnte, nach Möglichkeit über diese Stufe hinauszugreifen. UÜber sie erhebt sich überhaupt nur ein geringer Bruchteil der Menschen, und es wäre sehr zu wünschen, daſs an Stelle des seichten Urteilens, das Mode ist, ein frisches Ergreifen des Kunstwerkes stattfände. Wir haben viel erreicht, wenn wir unsere Schüler zu einem wirklichen Genufs, einem lebendigen Verständnis der homerischen Epen führen.*) Also die Fragestellung ist falsch, wenn sie lautet: Was bedeutet die Patrokleia in der Gesamtanlage der Ilias? Wie hat es der Dichter erreicht, daſs wir mit dem Cyklopen kein Mitleid haben? Wie hat der Dichter den Sieg des Odysseus psychologisch erklärlich gemacht? u. s. w; sie muls lauten: Welche Folge hat der Tod des Patroklos für den Verlauf der Handlung? Wodurch hat der Cyklop seine Strafe verdient? Wie war der Sieg des Odysseus möglich? Die Abstraktion die die erste Fassung voraussetzt, dies Erheben über den Stoff liegt über dem Fassungsvermögen der vorausgesetzten Klassenstufe.
¹) Lehmann, Der deutsche Unterr. 2. A. p. 12. 190.
²) Vergl. Münch, Die Mitarbeit der Schule an den nationalen Aufgaben der Gegenwart, R. Gaertner 1890, p. 30. Er nennt Verstiegenheit die technisch-ästhetische Untersuchung von Gedichten und Schauspielen, wenn sie auf Unterrichtsstufen stattfindet,„die nicht den Abschlufs bilden.“„Ehe man Kunstwerke beurteilt, mufs man
sie anschauen und empfinden gelernt haben.“


