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Die jüngste Asthetik, die mit den Begriffen und Urteilen der alten Schule vielfach gebrochen hat, ohne sich jedoch zu einem malsgebenden System bisher verdichtet zu haben,¹) wird auch das Wesen des Volksepos anders als diese auffassen. Unter seinen Eigenschaften wird das Typische in Auffassung und Darstellung in den Vordergrund treten, der Begriff der Einheit wird eingeschränkt werden, so daſs er den jähen Wechsel der Motive, ihr oft unbegründetes Abbrechen damit zu ver- einigen sucht. In der Wertschätzung der antiken Epen wird sie kaum von der alten Schule abweichen, wenn sie auch ihr Urteil vielleicht in andere Worte kleidet..
Auf dieser Stufenleiter des Verständnisses haben wir unsern Platz zu suchen. Die preufsischen Lehrpläne haben die Lektüre einer Übersetzung der homerischen Epen dem fünften Jahreskursus der Realanstalten zugewiesen. Die Gedichte enthalten einen solchen Reichtum der edelsten Gefühle, solche Höhe der Kunst, dafs für sie die obere Stufe wohl wünschenswert erscheinen könnte. Aber dann würden in diesen Klassen andere Stoffe verdrängt werden, und die mittlere Stufe ginge einer kaum zu ersetzenden wertvollen Überleitung zur Be- schäftigung mit dem Drama oder mit Hermann und Dorothea verlustig. So ergiebt auch eine Durch- sicht der Programme, daſs man selten von der Vorschrift der Lehrpläne abgewichen ist, d. h. die griechischen Epen nach der II,2 oder II,1 verlegt hat. Dagegen findet sich eine ganze Anzahl von Anstalten, die die Homerlektüre in II, 2 fortsetzen oder in II,1 wieder aufnehmen, so die Oberrealschulen in Berlin(Friedrich-Werdersche), Barmen, Cöln, Düsseldorf, die Realgymnasien in Königsberg(städt.), Tilsit, Perleberg, Lippstadt, Düsseldorft, Duisburg, die Wöhlerschule in Frankfurt. In einigen wenigen Realprogymnasien wird die Homerlektüre bereits in III,2 begonnen und in III, fortgesetzt.
Hier ist wohl der geeignetste Platz, Umschau in den aulserpreufsischen Staaten zu halten und zu sehen, wie es in ihren Lehrplänen mit der Homerlektüre steht. Den Herren Direktoren und Kollegen, die mir die folgenden Angaben in liebenswürdigster Weise zur Verfügung gestellt haben, sei an dieser Stelle wärmster Dank gesagt! Die preuſsischen Lehrpläne gelten auch in Waldeck, sie sind Ostern 1892 gleichzeitig in Braunschweig eingeführt, Ostern 1894 an der Oberrealschule in Oldenburg; an letzterer Anstalt wurde Homer bis dahin seit langen Jahren in II,2 gelesen. Nach der III,I(resp. II der Realschulen) setzen diese Gedichte noch Hamburg, Anhalt und Schwarzburg-Rudolstadt. Am Realgymnasium des Johanneums in Hamburg wurden die Gedichte bis vor 6 Jahren in II,2 behandelt. In den meisten Staaten enthalten die Lehrpläne entweder überhaupt keine Bestimmungen über die Auswahl der Lektüre oder nur allgemeine. Die Wahl ist ins Belieben der einzelnen Direktoren gestellt. Um so bemerkenswerter ist es, dals eine groſse Anzahl Anstalten solcher Staaten die Homerlektüre in ihren Lehrplan auf- genommen hat, so in Württemberg, Mecklenburg-Schwerin, den meisten thüringischen Staaten. Wir finden sie an den Realgymnasien in Stuttgart, Schwerin. Weimar, Eisenach, Saalfeld, Lübeck, an den Realschulen in Gotha, Wismar, Bremen. Am Kgl. Realgymnasium in Stuttgart hat Herr Oberstudienrat von Dillmann Homer schon 1867 eingeführt und fortgesetzt beibehalten, er wird hier in der VIII. Klasse, unserer II,l, gelesen. Selbst an der Kgl. Realanstalt in Stuttgart werden die Epen vorgelegt(Progr. 1894/95), trotzdem das Deutsche mit nur 2 Stunden wöchentlich vorlieb nehmen muſs. An der Städtischen Realschule in Gotha hat Homer seit 20 Jahren in der ersten oder zweiten Klasse seinen Platz. An den übrigen oben aufgezählten Anstalten ist es entweder dieselbe Klasse wie in Preuſsen oder die nächsthöhere Stufe. In Strafsburg an der Oberrealschule
¹)„Auch auf dem Gebiete der Asthetik schreit alles in uns sehnsuchtsvoll nach einem neuen Testament der Kunst.“ Lyon, Ztschrft. f. d. deutschen Unterr. XII. p. 41.


