10 Staunen erfüllte sie ob der Wunder, die Odysseus erlebte. Manch einer mag gehobenen Herzens tortgegangen sein; er hatte eine weihevolle Stunde verlebt, sein Sinn war auf erhabene Ideale, auf sittliche Vorbilder gerichtet, der Eindruck wird seinen Willen bestimmt haben lange über den Festtag hinaus. Andere dagegen freuten sich bloſs des hohen ästhetischen Genusses, des Reichtums an schönen Stellen, der steten Abwechslung, der fesselnden Durchführung, der vornehmen Sprache. Das ist das Verständnis des naiven Menschen; soweit dringt er ein, soviel Gewinn kann er von der Dichtung mitnehmen.
Ein tiefer gehendes Verständnis läſst die Dichtung vor dem geistigen Auge neu entstehen, es„sucht den Dichter in seiner Werkstatt auf“. Ist für den naiven Menschen das Kunstwerk ein thatsächlich gegebenes, das, wie es ist, auf ihn seine Wirkung ausübt, so ist es für den Forscher ein werdendes. Die homerischen Gedichte betreffend herrscht gegen die historische Art der Betrachtung in weiten Kreisen ein Vorurteil.“) R. Gaede steht sicherlich nicht vereinzelt da, der in den Neuen Jahrbüchern f. Phil. u. Päd. 1896, schreibt:„Wenn man ex officio genötigt ist, sich hin und wieder wenigstens mit den Ansichten der Kritiker über Homerische Interpolationen zu beschäftigen, dann kann man sich oft des Wunsches nicht erwehren, eine groſse Flut möchte all das Geschreibsel hinwegschwemmen, damit man es nicht zu lesen brauche.“ Ist es schon bei Werken moderner Dichter zuweilen mit grolsen Mühen verbunden, in ihre Entstehung einzudringen— man denke nur an Goethes Faust—, so gehört die homerische Frage zu den schwierigsten Aufgaben, die der höheren Kritik überhaupt gestellt sind. Viel vergebliches Tasten geht voraus, ehe sichere Ergebnisse zu ver- zeichnen sind. Zu solchen ist aber jetzt die Forschung gelangt. Man ist schon im stande, bis zu einem gewissen Grade das Werden der Dichtung zu verfolgen. Es ist ein Zustand der Epen erschlossen, bei dem Achilles, so gut wie Odysseus, aufser Verbindung mit einem Troja im Gesange lebten; mit groſser Wahrscheinlichkeit ist behauptet worden, daſs Agamemnons ursprüngliche Heimat das thessalische Argos ist, dals er von dort ins peloponnesische versetzt ist, hier auf dem sagenumwobenen Mykene seinen Sitz fand, daſs seine Achäer mit ihm nach dem Peloponnes gewandert sind; auch Telemachos sehen wir in eine schon umfangreiche Odyssee seinen Einzug halten. Wir können es verfolgen, wie die Gottheit mehr und mehr entgöttlicht und vermenschlicht wird. Wir können uns den Aöden vorstellen, wie er die Neigungen und den Geschmack seines Publikums beobachtet und ihren Beifall durch eine neue Wendung der alten Sage, durch zeitgemäſse Umänderung alter Motive und Ein- fügung neuer Scenen zu gewinnen sucht. Lohnt es sich da nicht der Mühe, sich in die Werke der Forscher zu versenken, um mit so geschulten Augen die Gedichte zu betrachten und sie von höherem Gesichtspunkte aus noch schätzenswerter und eigenartiger zu finden?
Steht so die Dichtung als ein Gewordenes vor der Seele des Gelehrten, dann vergleicht er sie mit anderen Schöpfungen des menschlichen Geistes und mit der Wirklichkeit; erst wenn der Mensch den einzelnen Gegenstand seiner Betrachtung in das allgemeine Gesetz eingeordnet hat, fühlt er sich ganz befriedigt. Er grübelt nach über die Stellung der Dichter zu ihrem Stoffe und zur Natur, über die Wirkung auf die Zuhörer oder Leser, über das Verhältnis zu Dichtungen derselben Gattung oder einer andern, zu den übrigen Künsten, über den Unterschied zwischen antik und modern. Der Asthetiker findet in Ilias und Odyssee Naivität des Empfindens, Realismus des Auffassens, Objektivität der Darstellung, plastische Energie in der Gestaltung. Lessing erkannte im griechischen Epos„das Muster aller Muster“, Vischer sah in ihm„das absolute von so einziger Vollendung, daſs es als historische Erscheinung mit dem Begriff der Sache zusammenfällt.“
¹) Garve befiel gar ein Grauen vor der zersetzenden Kritik Wolfs, die uns einen Gegenstand der Verehrung nach dem andern entreiſsen, und auch das Heiligste anzutasten keine Scheu tragen würde. Friedländer, Die homer. Kritik, p. 3.


