Freilich, beide Epen können in der Obertertia(resp. Sekunda) unmöglich gründlich behandelt werden, wir müssen uns auf eins beschränken, das andere, wenn nicht der Lehrplan auf einer höheren Stufe den Platz dafür vorsieht, wie es vielfach— in Baden wohl durchweg— der Fall ist, bloſs in seinen wesentlichen Zügen vorführen und so durch anregende Besprechung den Schülern Lust machen, das Ganze kennen zu lernen. Treffen wir eine Wahl, so kann sie nur auf die Odyssee fallen. Finden in der Ilias die Kenner die gröſsere Wucht der Leidenschaft, wahrhaft heroische Gröſse, feinere psychologische Motivierung, so stimmen sie doch auch darin überein, daſs die Odyssee in ethischer Beziehung höher zu stellen sei.1) Und dieser Gesichtspunkt möchte doch bei sonst gleichwertigen Dichtungen an sich schon ausreichend sein, für sie den Ausschlag zu geben. Andererseits wird wohl auch die Behauptung Zustimmung finden, daſs es schwerer, in gewisser Beziehung unmöglich ist, Obertertianern die„heroische Gröfse“ der Ilias, das„pathologische Motiv“ des in seiner Leiden- schaft sich verzehrenden Götterjünglings, das„Werden und Wachsen seines Charakters“, die Läuterung seiner Seele“ zu lebendigem Verständnis zu bringen.
Die Praxis hat zum Teil auch schon diesen Schritt gethan; eine Durchsicht der Programme der Jahrgänge 1895/6 und 1896/7 hat ein wesentliches Übergewicht der Odyssee ergeben. Programme sind im allgemeinen keine gute Unterlage für Untersuchungen; die Angaben sind, soweit sie nicht streng vorgeschrieben sind, oft ungenau, fehlen auch ganz und gar. Immerhin lieſsen sich 119 Programme preuſsischer Realanstalten beiderlei Art finden, in denen beide Jahre hintereinander die Epen genannt sind. Von diesen 119 haben 45 beide Jahre nur die Odyssee, dagegen bloſs 8 nur die Ilias behandelt. Rechnet man dazu die schwankenden Fälle, soweit sie zur Odyssee hin- neigen, so steigt die Bevorzugung der Odyssee sogar auf 79%. Läſst sich in dieser Hinsicht auf Grund der Programme noch ein ziemlich sicheres Urteil gewinnen, so lassen sie in der Frage, in- wieweit den Schülern ein vollständiges Exemplar, inwieweit eine Auswahl in die Hände gegeben wird, völlig im Stich.
Also die Bahn ist bereits eingeschlagen, in der sich für echt pädagogische Behandlung der homerischen Gedichte genügender Raum findet; denn eine eingehende Beschäftigung setzen die Lehr- pläne voraus, in denen Homer die Stelle eines Dramas, das am Gymnasium gelesen werden soll, einnimmt. Bei dieser Beschränkung auf die Odyssee ist es aber auch möglich, das Werk als Ganzes vorzulegen; wir werden nicht alles mit gleicher Gründlichkeit durchnehmen, sondern nur die ästhetisch oder ethisch bedeutungsvollen Abschnitte eingehend behandeln, die andern bald bloſs abfragen, bald erzählen lassen; doch davon unten mehr..
ein Läppchen hernimmt, dort ein anderes und so ein Flickwerk zusammenstoppelt, das unter dem Anspruch, ein einheit- liches Ganzes zu bieten, sich von dem Geiste der Volkspoesie weit entfernt. Man scheue sich doch nicht mehr, anstatt willkürlich zusammengeleimter Verse eine schlichte Inhaltsangabe an die Stelle des Ausgelassenen zu setzen!
¹) Herbart zu Dissen, Anleitung für Erzieher, die Odyssee mit Knaben zu lesen, 1809:„Die Ilias enthält viel Rohes, was die kindliche Einbildungskraft nicht berühren darf. Namentlich in der Götterwelt. Träte diese nicht in der Odyssee so sehr zurück, so müfste um dieses Umstandes willen der Plan aufgegeben werden.“
0O. Willmann, Die Odyssee im erziehenden Unterrichte, G. A. Gräbner 1868, p. 28:„Die Rücksicht auf das Ethische leitet uns mafsgebend auf die Odyssee.“—„Ungleich mehr als die Ilias mit ihrem ehernen Heldentum weiſfs die Odyssee die Teilnahme für ihren Dulderhelden herauszufordern.“—„In der Odyssee waltet der Geist der Athene, der siunige, rührige, hellenische Geist, der über die ungebärdig rohe Kraft den Sieg davon trägt.“—„Endlich ist sie getragen von dem einigen sittlichen Gedanken, ein wie herrlich und grofses Ding es sei, um Liebe und Treue der Gatten, und reich an Gelegenheiten, das Sittlichschöne seine Wirkung auf das Gemüt ausüben zu lassen.“
Fäsi-Franke, Odyssee, Einl. p. 7:„Der sittliche Standpunkt der Iliade ist im ganzen niedriger als der der Odyssee.“ Citiert von Hüter, Lehrproben u. Lehrg. XIX.


