Aber es ergiebt sich noch eine zweite Folgerung! Auſserliche Gründe haben auf den Realanstalten vielfach dazu geführt, eine Auswahl zu Grunde zu legen. Wenn die Pietät vor der Schöpfung eines Dichters, ebenso wie der erziehliche Vorteil, den die Erfassung eines Ganzen und seine Durcharbeitung nach allen Seiten mit sich bringt, die Forderung haben aufstellen lassen, daſs Dichtungen nicht in Bruchstücken, sondern als Ganzes gelesen werden, so könnte bei Ilias und Odyssee, wo ein einzelner Dichter nicht als Schöpfer anzunehmen, wo die Dichtung der Niederschlag der Thätigkeit von Jahrhunderten ist, es durchaus gerechtfertigt erscheinen, eine Auswahl zu bieten. Es könnte sogar aus ästhetischen Gründen für verdienstlich gehalten werden, die Dichtung zu kürzen; man würde damit die ursprüngliche„Achilleis“ oder Odyssee wieder herstellen, den alten„Kern“ herausschälen und so die Dichtung auf den höchsten Grad der Vollkommenheit zurückführen. Diese Schluſfsfolgerung liegt namentlich den Vertretern der Interpolationstheorie nahe, wie sie Kammer in der Vorrede zu seinem Kommentare rückhaltlos ausspricht, Franz Kern stillschweigend voraussetzt. Da muſs nun erstens an ein Wort von Jakob Grimm erinnert werden, das für jedes Volksepos in gleicher Weise gilt(citiert bei Erhardt):„Hauptsächlich muſs ich das einwenden, daſs mit Unrecht von einer zu grolsen Vollkommenheit des ursprünglichen Epos ausgegangen wird, die wahrscheinlich nie vorhanden war.“ Zweitens ist eine solche Wiederherstellung praktisch unmöglich. Man hat die homerischen Gedichte mit den Schichten verglichen, die sich auf der Erdoberfläche abgelagert haben; aber wenn da die einzelnen Schichten sich für das Auge scharf von einander abheben, so sind es doch nur die obersten, die beim Epos sich loslösen lassen: die letzten Gesänge beider Epen, der Schiffskatalog und die Doloneia in der Ilias, dann etliche kleine Abschnitte; alles Übrige ist fest in einander verwachsen und verwebt. Kann der Forscher an einer Stelle den Anfang des neuen Fadens nachweisen, so ist sein Ende nicht zu finden, oder umgekehrt. Bei einem so geschlossenen Organismus können mechanische Eingriffe nur Störungen hervorrufen, den eigentlichen Charakter ent- stellen. Und dann, wo wollen wir denn still stehen, wenn wir einen„Kern“ suchen? Das unbewulste Streben nach Einheit gliederte mehr und mehr an die Dichtungen an. Grote ¹) hat zuerst darauf hingewiesen, daſs die Gesandtschaft im 9. Buche der Ilias einen„Kern“ schon voraussetzt, Niese,²) dals der Waffen- tausch des Patroklos später aufgesetzt ist. Wo wollen wir also stehen bleiben? Es ist ein unmögliches Unterfangen, irgend eine frühere Stufe der Gesänge durch Streichung wieder herstellen zu wollen. Man kann wohl einen Eimer Wasser aus dem Strome schöpfen, niemals aber die Welle, die eben vorüberrauscht.
Ist es also ausgeschlossen, durch eine noch so geschickte Auswahl ein einheitliches Gedicht, das einem einmal vorhandenen entsprechen könnte, zu stande zu bringen, so muſs andererseits auch in Betracht gezogen werden, daſs die Gedichte, wie sie sind, als Ganzes auf die Weltliteratur, auf unser eigenes Schrifttum gewirkt haben. Vermissen wir an ihnen eine streng geschlossene Handlung und einen festen Aufbau, d. h. eine mit Bewuſstsein erfaſste und durchgeführte Einheit, so ist an ihre Stelle eine bloſs vorgestellte getreten und hat nicht weniger in der ausübenden Kunst der späteren Zeit, wie in der Kunstwissenschaft ihre Spuren hinterlassen. Die lockere Fügung der Epen, die beschauliche Breite der Darstellung, die häufigen Episoden sind ebenso, wie die Eigen- tümlichkeiten der homerischen Sprache Axiome für Dichter und Asthetiker geworden.
Die Beschaffenheit der Gedichte an sich, so gut wie ihre literarhistorische Bedeutung verlangen also, dals sie im Ganzen gelesen werden. Im Prinzip mulfs an dieser Forderung festgehalten werden, und in der Praxis wird wohl auch oft unnötigerweise von ihr abgewichen.*)
¹) Vergl. Cauer l. c. p. 279 ffg.
²) Niese, Die Entwicklg. d. hom. P. p. 89 ffg.
³) Sollte man hie und da eine Auswahl für unumgänglich halten, so ist jedenfalls die die beste, die am wenigsten ändert, d. h. möglichst lange zusammenhängende Stücke unverkürzt giebt, und die ist zu verwerfen, die hier


