6 es wenige ausgezeichnete, überlegen begabte Menschen absichtlich hervorgebracht, sondern in dem, was diese thaten, dürfte man eher den Gegensatz des Epischen, und wodurch sein notwendiger Untergang bereitet wurde, anerkennen.“
Also die weite Perspektive einer durch Jahrhunderte dauernden Volkspoesie eröffnet sich uns bei Betrachtung der homerischen Gedichte. Wie der Name Homer zu ihnen in Verbindung trat, wer kann das auch nur mit einiger Sicherheit angeben? Auf diese und weitere Fragen, die Entstehung betreffend, können wir uns hier nicht einlassen; für uns hat eine andere weit höheren Wert: Welche Gesichtspunkte ergeben sich aus dieser eigenartigen Ent- stehung der Gedichte für ihre Behandlung in der Schule?
Wenn wir Dichtwerke von Schiller oder Goethe in der Schule lesen, so fassen wir die ästhetischen Gefühle, die der Unterricht geweckt hat, zusammen und vereinigen sie zu einem Bilde des Künstlers, für den der Schüler schon frühzeitig mit Verehrung erfüllt wird. Auf höherer Stufe vervollständigt und vertieft sich das Bild, wir entwickeln die Wahl der Stoffe und die künstlerische Gestaltung aus der Eigenart des schaftenden Dichters, der sich jetzt vorbildlich vor die Seelen stellt. Ein solcher pädagogisch höchst wertvoller Sammelpunkt in der Person des Dichters fehlt bei Ilias und Odyssee; die Schule kann an der Person eines einzelnen Dichters der Epen, Namens Homer, nicht festhalten, so verlockend es auch vom erziehlichen Standpunkt aus wäre, einen alles über- ragenden menschlichen Geist der Bewunderung der Knaben vorhalten zu können. Die grolsen Vorzüge, welche alle Zeiten in den Gedichten fanden, können wir auf keine einzelne Person beziehen; aber was wir keinem Individuum zusprechen, das fällt der Gesamtheit des Volkes zu. Des Volkes Tugenden spiegeln sich in den Gedichten, seine Frömmigkeit, seine Demut und Ergebenheit in den Willen der Gottheit, seine Tapferkeit, Treue, Gastlichkeit, sein inniger Familiensinn, seine An- hänglichkeit an die Heimat, vor allem sein fein ausgebildetes künstlerisches Empfinden, das der Nährboden für die Gedichte war, auf das hinzuweisen die Besprechung oft genug Gelegenheit giebt, ja genötigt ist. Die nicht wegzuleugnenden Fehler: Lüge, Treulosigkeit, Ausbrüche von Roheit, werden wir vielleicht mit der Ungleichheit der im Gedichte vertretenen Kulturstufen entschuldigen können. Dem epischen Volksgesang sind die hohen künstlerischen Vorzüge zuzueignen, die plastische Darstellungskraft im Kleinen wie im Groſsen, die Meisterschaft in der Verwendung aller Mittel, die bei der Zuhörerschaft den Erfolg sichern: des Kontrastes, der Steigerung, der retardierenden Momente,— die unerschöpfliche Fülle der Phantasie, die immer neue Motive erfindet,— die Kunst, alle Stimmungen zu malen von der entzückenden Innigkeit der Anmut bis zur packenden Wucht zerschmetternder Tragik. Zum Stil der Volksepen gehören die so viel beachteten und besprochenen „Homerischen“ Eigentümlichkeiten: die stehenden Beiwörter, die formelhaften Überleitungen und Wendungen, die häufige Wiederholung ganzer Versreihen, die typische Schilderung derselben Vorgänge. „Aller Kunst, die vornehmlich aufs Gehör zu wirken bestimmt ist, sind typische Wendungen und Wiederholungen eigen, gleichsam Ruhepunkte der Darstellung, die dem Vortragenden wie dem Hörer in gleicher Weise zum Vorteil gereichen.“¹) Auf diese besonderen Bedingungen der epischen Kunst, die mit gewissen Unterschieden in allen Volksepen dieselben Wirkungen hervorrufen, ist der Blick des Schülers zu lenken, wenn man von den Kunstmitteln des Epos redet.— Was anfangs ein Mangel schien, ist in Wahrheit ein Vorzug der Gedichte. Der feine Sinn für Schönheit, wie ihn jenes Volk besaſs, das Bedürfnis hohen künstlerischen Genusses, verbunden mit der Gesundheit der sittlichen Ueberzeugungen, ermöglichen es auch heute noch, jene Zeit als vorbildlich unserer Jugend vor Augen zu stellen.
¹) Erhardt l. c. Einl. XCII.


