eine andere Deutung ihrer Entstehung; die äolischen Elemente in den sonst ionisch geschriebenen Epen fanden sorgfältigere Beachtung, man entdeckte eine Mehrzahl von Stufen in der geschilderten Kultur, und so entstand die Ansicht, daſs die Gedichte das Produkt einer langen organischen Entwicklung seien. Auf diesem Standpunkt steht Niese, ¹) der ihn zuerst eingehender durchführt; ihn vertritt auch C. Rothe,²) aber beide Forscher haben noch nicht die vollen Konsequenzen gezogen, sie glauben doch, an einem alle übrigen überragenden Dichter als Schöpfer des einheit- lichen Planes festhalten zu müssen.³¹) Erst Louis Erhardt und fast gleichzeitig Paul Cauer haben sich vollständig auf den Boden der Volkspoesie gestellt, in der viele Dichter das Werkzeug der Volksseele sind, kein einzelner wesentlich hervorragt. Während Cauer sich in seinem am Anfang dieses Abschnittes genannten Werke mit einer Besprechung der„Grundfragen der Homerkritik“ begnügt, seine positive Meinung aber nicht im Zusammenhange entwickelt, giebt Erhardt in der Einleitung seines Buches„Die Entstehung der homerischen Gedichte“, Duncker und Humblot 1894, eine eingehende Darlegung seiner Gedanken. Auf diese Forscher muss ich verweisen, wenn jemand eine vollständige Begründung kennen lernen will. Erhardt besonders würde allen denen zu empfehlen sein, die aus Mangel an Kenntnissen im Griechischen sich mit einer einfachen Orientierung begnügen müssen.
Diese Theorie vom allmählichen organischen Wachstum der Gesänge, das Jahrhunderte in Anspruch genommen hat, erfreut sich zwar gegenwärtig anscheinend nur eines kleinen Kreises von Anhängern.¹) Darum bringt sie aber doch nicht etwas durchaus Neues oder gar Absonderliches. Schon vor Wolf war sie von einem Italiener, Giambattista Vico aus Neapel, aufgestellt; doch fand seine Stimme damals nur wenig Beachtung. Aber auch Jakob Grimm hat dieselbe Ansicht über die Entstehung des Volksepos zu wiederholten Malen ausgesprochen. Erhardt hat die hierher gehörigen Stellen aus den„Kleinen Schriften“ gesammelt.„Jedes Epos muſs sich selbst dichten, von keinem Dichter geschrieben werden,“ so äuſserte er sich schon 1807. Und 1816 schrieb er in seiner Recension der Lachmannschen Schrift über die ursprüngliche Gestalt des Gedichtes von der Nibelunge Not:„Wie alles Gute in der Natur geht auch das Epos aus der stillen Kraft des Ganzen leise hervor; was dabei leiden oder thun heilsen kann, wer wollte es ihm absehen? Nicht haben
¹) Bened. Niese, Die Entwicklung der homerischen Poesie. Weidmann 1882.
*) C. Rothe, Die Bedeutung der Wiederholungen für die Homerische Frage. Progr. 1890.— Die Bedeutung der Widersprüche für die Homerische Frage. Progr. 1894.
³)„Die Einheit bildende Tendenz ist ein Merkmal der ochten Volksepik; sie ist der traditionellen Gedächtnis- poesie, die in aller Sinne lebt und daher groſse Züge einer einheitlichen Handlung verlangt, wie sie sich dem Gedächtnis aller leicht einprägt, ganz gemäfs.“ Erhardt, Entst. d. h. Ged. Einl. LXXIII.
¹) Ich führe die Ansichten zweier Schulmänner an, die in letzter Zeit maſsgebende Arbeiten zur Homerlektüre auf Gymnasien veröffentlicht haben:
Rief, Wert der Iliaslektüre für die Jugendbildung, 2. Tl., Progr. 1897 p. 52:„Homer voraus lagen blofs Einzellieder einzelner Sänger, und dann kam er als ein groſses Dhtetderte⸗ natürlich mit vollkommen nationalem Gepräge, der den Geist und das Wesen des Volkes zum wahrsten Ausdruck brachte. Aber durch seine geniale Dichterkraft hob er die Dichtkunst mit einem Male auf eine wunderbare Höhe, und die Errungenschaft seines Geistes stellte er in so wunder- barer Klarheit hin, dafs die bewundernden Nachahmer nicht mehr auf die frühere Stufe zurücksinken konnten.“
O. Henke, Die Gedichte Homers, Teubner, 3. Tl.: Hilfsbuch, 2. Bd. 1897 p. 13 fg.:„Vor dem Auftreten der groſsen Epiker, die den Kern der Ilias und der Odyssee geschaffen haben, hat es schon eine blühende Märenpoesie gegeben, die jene Epiker benutzt haben. In die planvoll von diesen grofsen Dichtern geschaffenen Epen sind später einzelne Mären anderer Aöden, die sich in die Epen gut einzufügen schienen, aufgenommen worden.“— p. 18:„Das Werk Homers ist die Ilias.— Die Odyssee ist von einem Dichter, der ihm an Begabung und dichterischer Kraft nahe kommt, aber nicht mehr das gleiche, innige Verhältnis zur Natur hat, gedichtet worden.“


