Aufsatz 
Die Homerlektüre im fünften Jahreskurse der Realanstalten / von W. Stengel
Entstehung
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Wollen wir auf die Forschungen über die Entstehung von Ilias und Odyssee näher eingehen,¹) so müssen wir zunächst die alte, lieb und wert gewordene Tradition vom blinden Vater Homer aufgeben. Eine Persönlichkeit dieses Namens in Zusammenhang mit den Gedichten kennt die historische Wissenschaft nicht; wie die angesehensten Städte im Mutterland, auf den Inseln, in den Kolonien alle mit gleichem Rechte Homer als ihren Landsmann in Aunspruch nehmen konnten, so gehört auch alles Übrige, was unter diesem Namen berichtet wird, in das Reich der Fabel und der haltlosen Kombinationen.²) Auſsere Zeugnisse stehen bei der homerischen Frage nur wenig zur Seite, die Forscher sind fast vollständig auf die Dichtungen selbst angewiesen.

100 Jahre, seit dem Erscheinen von F. A. Wolfs Prolegomena ad Homerum im Jahre 1795, dauert der Kampf, und noch ist kein Ende, keine Einigung abzusehen. Aber doch ist er nicht fruchtlos geblieben, die Forschung ist in die Breite und Tiefe gegangen, und heute kann sie bereits ein Licht werfen auf verwandte Dichtwerke anderer Nationen, z. B. auf die Ent- stehung des Nibelungenliedes. Die Nachrichten über homerische Poesie sind gesammelt und gesichtet, die Gedichte selbst eingehend geprüft. Die Kritik deckte die mannigfaltigen, überaus zahlreichen und oft tiefgreifenden Widersprüche, die Unebenheiten in beiden Werken auf. G. Hermann ³) nahm weitgehende Interpolationen einer ursprünglich vollkommenen Vorlage an; seine Erklärungs- weise fand viel Beifall, und noch heutzutage hat sie einen groſsen Kreis von Anhängern, die freilich mehr und mehr Zugeständnisse an entgegengesetzte Auffassungen machen mulsten.4) Vom Nibelungen- lied aus kam Lachmann) auf die Liedertheorie; er zerlegte die Ilias in 16 ursprünglich selbständige Gesänge; hier aber kam die offenbar vorhandene Einheit nicht zu ihrem Rechte. Einen anderen Weg schlug Kirchhoff ein; zur Erklärung der in der Odyssee vorhandenen Ungleichheiten verfocht er ²) mit wissenschaftlicher Gründlichkeit die Hypothese einer Verschmelzung und Über- arbeitung von zwei ursprünglich selbständigen, zu verschiedenen Zeiten entstandenen Dichtungen (Kompilationstheorie). An ihn schloſs sich v. Wilamowitz-Moellendorff an;) auf die Spitze getrieben erscheint sie bei Seeck, der S. 203 seines BuchesDie Quellen der Odyssee eine Zeichnung des angenommenenQuellenverhältnisses giebt. Inzwischen hatte sich die Grundlage der Forschung nach allen Richtungen erweitert; die Widersprüche in Zusammenhang und Darstellung, die man bisher fast allein in Betracht zog, erwiesen sich vielfach als nicht ausschlaggebend oder verlangten

¹) Eine bequeme Übersicht über die Frage, die freilich von den Forschungen der letzten Jahre bereits überholt ist, giebt R. C. Jebb, Homer: an introduction to the Iliad and the Odyssey. Glasgow 1887, übers. S. Calvary 1893. Das Buch enthält aufserdem eine allgemeine Charakteristik der Gedichte, eine Schilderung der homerischen Welt und einen Abschnitt über Homer im Altertum.

²) Bereits 1788 schrieb der Koptologe Zoega, der auch ein Buch über Homer verfaſst hat:Die gänzliehe und vollkommene Unkunde von dem Vaterlande, Zeitalter und Leben des Verfassers der Ilias und Odyssee und vieler anderer ihm mit gleicher Gewifsheit zugeschriebener Gedichte ist allein für sich ein hinlänglicher Beweis, dafs ein solches Individuum niemals gewesen ist. Citiert bei Friedländer, Die homerische Kritik p. 4.

³) G. Hermann, de interpolationibus Homeri, 1832. Opusc. V. p. 5277.

4) So schreibt Kkammer im Vorwort zu seinem oben genannten Kommentar:Der Verf. glaubt die ursprüng- liche Ilias aus dem Schutte der Überlieferung, welcher die Herrlichkeit der Dichtung oft bis zur Unkenntlichkeit verdeckt hat und auch die modernen Leser von der Lektüre zurückschreckt, hervorgezogen zu haben. KAhnlich ist die Ansicht von Franz Kern, der in der Einleitung zu seinem Auszuge aus der Ilias eine psychologische Analyse der Handlungs- weise des Haupthelden giebt, die die Interpolationstheorie zur Voraussetzung hat.

) Karl Lachmann, Betrachtungen über Homers Ilias. G. Reimer 1847; hier sind seine älteren Arbeiten zusammengefaſst. 4

) Kirchhoffs Untersuehungen sind zusammengefafst unter dem TitelDie homerische Odyssee. W. Hertz 1879.

*) v. Wilamowitz-Moellendorff, Homerische Untersuchungen. Weidmann 1884.