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Die erste Bedingung zu einer gedeihlichen Behandlung der Homerlektüre ist die, daſs methodische Kommentare für die Zwecke der nicht Griechisch treibenden Anstalten angefertigt werden. Was bis jetzt vorhanden ist, z. B. die Erklärungen von Kammer und von Herman Grimm,¹) kann nicht als ausreichend betrachtet werden, so sehr ihr Studium auch zu empfehlen ist. Die vor- liegende Arbeit ist nicht im stande diese Lücke auszufüllen, sie will nur eine Stimme aus der Praxis sein und den Kollegen zeigen, was für ein Ziel sich einer von ihnen gesteckt, und wie er es zu erreichen gesucht hat. Verfasser hat seine Erfahrungen an einer preuſsischen Realanstalt gesammelt, an der er 5 Jahre nacheinander je eines der homerischen Epen oder beide behandelt hat. Wie weit seine Aufstellungen auch für aufserpreufsische Realanstalten mit anderen Lehrplänen oder für höhere Mädchenschulen Wert haben, das entzieht sich seinem Urteil.
I. Der Gegenstand der Lektüre.
Paul Cauer führt am Schlusse seines Buches,„Grundfragen der Homerkritik“, S. Hirzel 1895, aus dem 1868 erschienenen Aufsatze Steinthals über das Volksepos eine Stelle an, mit folgendem Wortlaut:„Es ist genau genommen unmöglich, Volksdichtung schriftlich zu fixieren; sie ist ein Dichtungsstrom, der unaufhaltsam fliefst. Wie man in denselben Stromwellen nicht zweimal badet, so hört man nicht zweimal dasselbe Lied. Man schöpft wohl aus dem Strome einen Eimer Wasser; so ist es aber keine Welle mehr. Und ebenso zeichnet man ein Lied auf; aber das ist kein Volks- lied mehr. In einer Stunde darauf, ja in derselben Stunde an einem anderen Orte rauscht dasselbe Lied in anderem Tone.“
Dieser Fluſs, diese fortgesetzte Veränderung ist auch das wesentliche Merkmal der epischen Poesie der Griechen gewesen, so lange sie aus lebendigem Quelle strömte.
Drüben im jung eroberten Lande, an der kleinasiatischen Küste, ist ihre Heimstätte; ihre Anfänge führen zurück ins Mutterland, in die fruchtbaren Gefilde Südthessaliens, die Heimat des Achilles. Berufsmäſsige Sänger pflegten sie, Männer, die geachtet waren wie Priester, und die ihren Beruf so heilig auffaſsten, wie der Priester den seinen. Volkspoesie war ihre Dichtkunst; echt volkstümlich war, was sie sangen, Helden, Thaten, der Ton, den sie anschlugen; ihre eigene Person mit ihrem eigenartigen Denken und Fühlen trat zurück. Des Volkes Ideale verkörperten sich in den Gestalten der Dichtungen, des Volkes Seelenleben, seine ganze ideelle und materielle Kultur im Fortschritt der Zeiten spiegelte sich in den epischen Vorträgen, verklärt und geadelt durch die Edelsten des Volkes, in denen alles Hohe und Heilige seinen geistigen Sammelpunkt fand, durch die Sänger. Freilich nicht die„Plebs“ war es, vor die sie ihre Werke trugen; ihr Publikum waren in erster Linie die Edelinge, die Fürsten. Erst nach und nach, als die breite Masse einer Sonderung von klar geschiedenen Berufsklassen Platz machte, fand hier die epische Poesie ihren vornehmlichen, begeisterten Zuhörerkreis.
Ein frisches, thatkräftiges Volk voll offenen Sinnes für seine Umgebung, für Menschenwelt wie Natur, rasch zur Wehr, rasch und kühn im Erwerb, so ursprünglich, so keck müssen wir uns die Bewohner dieser Kolonien vorstellen. Grübelndes Nachdenken, abstrahierendes Erheben über die Erscheinungswelt war ihnen fremd, lebhafte, kräftige Auffassung alles Gegebenen ihre hervor- ragendste Eigenschaft.
¹) Ed. Kammer, Ein ästhetischer Kommentar zu Homers Ilias, F. Schöningh 1889.— Herman Grimm, Homer, Ilias, 2 Bde. Wilh. Hertz 1890 u. 1895.— Für die Odyssee ist meines Wissens überhaupt nichts Brauchbares vorhanden.


